Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

10 Thesen, warum ein Großteil der E-learning-Plattformen scheitern

Zur Diskussion ist herzlich eingeladen!

  1. Virtuelle Lernplattformen sind in erster Linie Netzwerke, ich gehe davon aus, dass die meisten Lernenden noch nicht bereit sind in Netzwerken zu lernen, bzw. Ihnen häufig gar nicht bewusst ist, dass sie in solchen lernen . Nach wie vor wird nur im "Stillen Kämmerlein" richtig gelernt. Lernen, das vom Verstehen und Vorankommen der Anderen abhängig ist, ist in vielen Lernbiographien neu und muss angeeignet werden.
  2. Der Blick auf Bildung ist bei vielen Lernenden von Frontalunterricht geprägt. Gleich dem Nürnberger Trichter sind eine Reihe an Lernprogrammen entstanden und nach wie vor in der Planung, die sowohl als cbt, als auch als wbt nur mäßigen Erfolg hatten. Dennoch trifft der programmierte Unterricht die Erwartungshaltung einer großen Anzahl von Lernenden, diese ist jedoch für das Lernen in virtuellen Netzen vollkommen unadäquat, weil der Prozess der Wissensaneignung zum einen häufig nicht formalisierbar ist, zum anderen weil virtuelle Gruppen und auch virtuelle Lerngruppen anderen sozialen Gesetzmäßigkeiten folgen als face2face Gemeinschaften.
  3. Netzwerkdynamiken auf virtuellen Plattformen sind neu zu bewerten. Wie virtual Communities zeigen, scheinen in virtuellen Lerngruppen andere Motivationen und Vereinbarungen zu gelten.
  4. Es ist eine Konsumentenhaltung der Lernenden zu konstatieren. Selbstbestimmung definiert sich für viele Lernenden nur als Möglichkeit dem Lernprozess in der Gruppe beizuwohnen oder auch nicht. Selbstbestimmung wird nicht als Chance gesehen, sich selbst zum Lehrenden zu machen, das scheint ihrer eigenen Lernbiographie zu widersprechen, die den Lehrenden zur allwissenden Autorität macht. Virtuelle Lernsysteme werden aber ohne aktive Content-Lieferung von seiten der Lernenden nicht funktionieren können, weil die Stärke von Netzwerken gerade im Verteilen von Aufgaben auf die gesamte Gruppe liegt.
  5. Es kann auch nicht darum gehen, Spiegelbilder realer Lernarrangements zu entwickeln und diese mit einem neuen technischen Hochglanzformat zu überziehen, sondern virtuelle Lernumgebungen müssen sich die in den Netzwerken liegenden eigenen Möglichkeiten erschließen. Damit steht bei der Entwicklung von Lernplattformen nicht die technischen Umsetzung und Machbarkeit im Vordergrund, sondern die Vereinbarungen der Lerngruppe.
  6. Der Lernende ist auf Lernziele hin konditioniert worden, d.h. die Absicht der Lehrenden wurde in Lernzielen formuliert und waren oft nicht zieloffen. Der Lernende arbeitete auf eine Abschlussprüfung hin, in der dann entfremdetes Wissen abgefragt wurde. Aber die Entwickler Freier Software z.B. machen deutlich, dass das Arbeiten in Netzwerken nur dann Sinn macht, wenn man die Inhalte frei wählen oder mitbestimmen kann, also eigene vital e Interessen berücksichtigt werden.
  7. Dem Lehrenden wird unbewusst immer die Rolle des Allwissenden zugedacht. Dennoch hat der Lehrende in virtuellen Umgebungen ganz andere Aufgaben, z.B. die Moderation des Lernprozesses, also als Lernermöglicher zu fungieren.
  8. Die Idee des lebenslangen institutionalisierten Lernens scheint sich in den Köpfen der Pädagogen so verinnerlicht zu haben, dass sie unreflektiert voraussetzten, dass das auch für ihre Clientel gilt.
  9. Die Vorteile von E-Learning liegen weniger in einer Verkürzung der Lernzeiten, als vielmehr in ihrer kooperativen und zieloffenen Natur, wodurch nicht vorhersehbare früher verhinderte Ideen das Ergebnis des Lernprozesses sind.
  10. Virtuelles Lernen wird nicht isoliert betrachtet werden können, sondern wird Teil eines Lernarrangements, in dem vor allem den F2F Phasen eine zentrale Bedeutung zukommt.

Im Rahmenkonzept für das Politikfeld "Aus- und Weiterbildung" im MASQT ist zu lesen: "Die Euphorie in Bezug auf E-learning ist der pragmatischen Erkenntnis gewichen, dass dieses neue Instrument nur in Verbindung mit anderen Lern-/Lehrmethoden seine Potentiale wirklich entfalten kann." Die Literatur nennt das blended learning. Damit wird unter E-learning weniger eine neue mediale Qualität verstanden, als vielmehr eine neue Methode des Lernens geprägt. Letztendlich sind es die Schwierigkeiten im Handling und die ungewohnte Lernsituation, mit denen das bestehende E-learning Angebot zu kämpfen hat. Ein Blick auf Plattformen, auf denen entsprechende vernetzte Projekte blühen und konstante Bildungsarbeit geleistet wird, wird diese These stützten. So ist z.B. in freien Softwareprojekten, deren Mitglieder in der Regel sehr computererfahren sind das leidende Motiv, von der Problemlösung der anderen zu lernen. Eine Studie (FLOSS: Free/Libre and Open Source Software: Survey and Study) über diese Communities macht deutlich, dass die Hauptmotivation aus einem individuell definierten Lernbedarf resultiert. In sofern sind solche Communities als Lernumgebungen zu verstehen. Druck von außen scheinen diesen Netzwerken fremd zu sein. Täglich gehen mehrere hundert Beiträge über die Mailinglisten und die Frage ist, was diese Plattform von anderen E-Learning Konzepten unterscheidet:

  1. Die Benutzer sind mit der Technik und ihrem Handling vertraut, womit die erste Hürde zur Partizipation überwunden wäre.
  2. Die Plattformen setzt auf eine einfache Struktur, die dennoch übersichtlich ist.
  3. Die Plattform bildet keine klassischen Bildungsmethoden ab, sondern passt sich mit ihren internetspezifischen Möglichkeiten dem zu lösenden Problem an.

Literatur:

  • Gruppe 41 im MASQT: Rahmenkonzept für das Politikfeld "Aus- und Weiterbildung" im MASQT. 07.02. Sauter, A., Sauter, W.: Blended Learning. E-Learning und Präsenstraining effizient kombinieren. 2002.
  • Reinmann-Rothmeier, G.: Didaktische Innovationen durch Blended Learning. Göttingen, 2003.

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@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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