Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Abischerze als Spiegel der Schüler-Lehrer-Beziehung

Das Grasshof Gymnasium hier in Essen ist zur Zeit in der Kritik, weil die dortigen Abiturienten Micki Krause zum Abischerz geladen haben. Die Lehrerschaft versagte dort auf ganzer Linie. Nachdem ihnen klar wurde, welche niveaulosen Texte der Ballermann-Sänger von sich gibt, haben sie (Die LehrerInnen) ihre Gegenwart an sämtlichen Abitur-Feierlichkeiten geschlossen abgesagt. Die Medien greifen diesen Eklat dankbar auf, reflektieren ihn jedoch mehr als einseitig. Die Diskussion erinnert stark an die Killerspieldebatte. Der Westen titelt generalisierend “Abifeten in der Diskussion”. Erstens ging es meines Wissnes um den Abischerz, zweitens bestehen die Abifeierlichkeiten aus mehreren Teilen, der Abischerz ist der wohl lustigste, weil hier die SchülerInnen das Sagen haben. Es gibt kein Protokoll und sie sind ein Spiegel ihrer eigenen Schulzeit. Abiball, Abifete und Zeugnisausgabe sind weitere Bestandteile, der Zeremonie im Rahmen der Reifeprüfung. Sie alle folgen unterschiedlichen Vorgaben. So ist die Zeugnisvergabe in der Obhut der Schule, auch hier verweigerten sich die LehrerInnen und wollten die Leistungen ihrer SchülerInnen nicht anerkennen.

Schon weit im Vorraus wurden die Planungen für die Feierlichkeiten gemacht. Für den Abischerz und die Einladung von Micki Krause wurden Sponsoren gesucht, die Gage für den Schlagerstar ist nämlich nicht von Pappe. Respekt für diese Leistung der SchülerInnen. Dass Lehrer so etwas nicht gutheißen und offensichtlich auch mit dem Namen des Ballermann-Idols nichts anfangen konnten, zeugt eher davon, dass LehrerInnen nicht mit den Lebenswelten ihrer Schüler vertraut sind.

Abischerze reflektieren zu einem großen Teil das Verhältnis der LehrerInnen zu ihren SchülerInnen. Je heftiger die “Waschten” um so eher ist man davon überzeugt, dass hier Auseinandersetzungen nicht ausgelebt und eine Streitkultur auf Augenhöhe im Laufe der Schullaufbahn nicht möglich war. Auf Abischerzen werden offene Rechnungen zwischen SchülerInnen und LehrerInnen beglichen, sie sind aber auch Ausdruck des menschlichen Umgangs miteinander. Warum fragt in diesem Zusammenhang eigentlich niemand, wie es zu dieser Eskalation kommen konnte. Die Verweigerungshaltung mit der die LehrerInnen der Auseinandersetzung begegnen macht deutlich, das hier nicht das Gespräch gesucht, sondern eine Lektion erteilt werden soll.

Niemand darf bei dererlei Schulsystem erwarten, dass hinten verantwortungsbewußte SchülerInnen herauskommen. Wo hätten sie das lernen sollen, wenn sie auf gute Noten konditioniert wurden. Ich denke, ein weiteres Zeugnis darüber, dass gute Noten noch keine Reifeprüfung sind. LehrerInnen sollten das eigentlich wissen.

Was Schulen brauchen sind empathische LehrerInnen, die die Lebenswelten der SchülerInnen verstehen, ihnen Freiräume anbieten, auch auf die Gefahr, dass diese unverantwortlich genutzt werden. Nur so können SchülerInnen lernen damit umzugehen und nur so können LehrerInnen verstehen, welche vitalen Interessen aber auch Fähigkeiten in ihren SchülerInnen stecken.

Mir graut es schon jetzt davor meine Kinder auf eine Schule zu schicken, auf denen ihnen jegliche Urteils-Kompetenz abgesprochen wird und Lernen sich schnell von der Lust zu entdecken zur Angst gerlernt zu werden verdreht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Worum gehts hier?

@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

Podcast abonnieren

%d Bloggern gefällt das: