Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Der “ge-online-te” Offliner

Eines wird mir nach den Hattinger Seminaren immer wieder klar, die Quote der Onliner nimmt stetig zu, und zwar vor allen Dingen, weil man heute kaum noch einen Telefonanschluss ohne Internetconnect bekommt. Selbst meiner Oma hatte man schon vor einigen Jahren im Alter von 84 einen Vertrag mit DSL Modem aufgeschwatzt. Ohne so richtig zu wissen, welche Welt sich dort einem Jedem eröffnet, scheinen die Nutzungsgewohnheiten in der Unsicherheit eher der Logik des Fernsehens zu folgen. (Vielleicht ist auch die exponentielle Zunahme der Shoppingsender im TV eine Form der Konvergenz ;-))

Wie dem auch sei, das Internet ist in der Nutzung noch weit entfernt von einer neuen Nutzungsphilosophie, dem von Alvin Toffler postulierten Prosumenten. Entweder ist man Produzent oder Nutzer. Beides gleichzeitig zu sein folgt manchmal den Gesetzen des Mitmach-Netzes, ist aber eher ungewöhnlich. Warum sollte man in einem Blog kommentieren? Warum sollte man, wenn man nicht weiter weiß ein Forum aufsuchen? Warum sollte man überhaupt im Internet kommunizieren? Ist das nicht eher etwas für Menschen, die zu viel Zeit haben? – Nein, es deutet sich eher ein riesiger Gap an zwischen den Nutzern und dem Nutzen des Internets. Zwischen den ge-online-ten Offlinern, also den eher unfreiwilligen Internetnutzern und den Bewohnern des digitalen Raums. Die einen beschimpfen die Anderen, zu vereinsamen, den menschlichen Kontakt zu scheuen, eventuell sogar ein Internetsüchtiger zu sein. Von einer Auseinandersetzung kann jedoch nicht mehr die Rede sein, dafür fehlt auf beiden Seiten die nötige Empathie. So redet man aneinander vorbei, ohne es zu merken und wird dabei Opfer des allgegenwärtigen Konstruktivismus. Jeder bringt seine eigenen Konstrukte mit und setzt stillschweigend voraus, dass sein Gegenüber von derselben Sache redet, aber weit gefehlt, gerade Gespräche über das Internet sind voll von Mißverständnissen, die von unterschiedlicher Nutzung herrühren. Denn vor dem Rechner sind wir dann doch meist allein.

Auch die aktuelle Auseinandersetzung um Netzsperren hat mit vielen dieser Mißverständnisse zu kämpfen. Das Internet ist in jeder Hinsicht ein vollkommen anderes Medium, als der Fernseher, das Radio und die Zeitung. Wem das nicht klar ist, der scheint das Internet nur genauso zu nutzen wie die ihm bekannten Medien, er ist eben ein “ge-online-ter Offliner”.

2 Kommentare

  1. 25. August 2009    

    Wo bleibt denn die digitale Spaltung, wenn selbst deine Oma DSL hat? Statt Digital Natives/Immigrants sollten wir endlich die Begriffe Web Resident/Web Visitor benutzen:
    http://tallblog.conted.ox.ac.uk/index.php/2008/07/23/not-natives-immigrants-but-visitors-residents/

    Zur Kontroverse um die Netzsperren titelte die SZ kürzlich treffend “Netz der Ideologien”: http://www.sueddeutsche.de/computer/937/479428/text/

    Besonders die letzten beiden Sätze finde ich wichtig und richtig:
    “In einem Land aber, in dem die Politik das Internet mit Begriffen wie Sucht, Pornographie und Verbrechen besetzt, wird es schwer sein, das Internet in Schulen zu bringen und dort eine Generation für digitale Berufe zu erziehen. Das aber ist kein kultureller oder gesellschaftlicher, sondern ein volkswirtschaftlicher Schaden, der den Weg in die Bildungs- und Innovationswirtschaft erschwert.”

  2. 25. August 2009    

    Wo bleibt denn die digitale Spaltung, wenn selbst deine Oma DSL hat? Statt Digital Natives/Immigrants sollten wir endlich die Begriffe Web Resident/Web Visitor benutzen:
    http://tallblog.conted.ox.ac.uk/index.php/2008/07/23/not-natives-immigrants-but-visitors-residents/

    Zur Kontroverse um die Netzsperren titelte die SZ kürzlich treffend “Netz der Ideologien”: http://www.sueddeutsche.de/computer/937/479428/text/

    Besonders die letzten beiden Sätze finde ich wichtig und richtig:
    “In einem Land aber, in dem die Politik das Internet mit Begriffen wie Sucht, Pornographie und Verbrechen besetzt, wird es schwer sein, das Internet in Schulen zu bringen und dort eine Generation für digitale Berufe zu erziehen. Das aber ist kein kultureller oder gesellschaftlicher, sondern ein volkswirtschaftlicher Schaden, der den Weg in die Bildungs- und Innovationswirtschaft erschwert.”

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Worum gehts hier?

@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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