Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Digitale Formatierung – Gedankenvernichtung

Am Wochenende wollte ich eine neue Linux Version einspielen. Eigentlich keine große Sache, meine Festplatte ist entsprechend partitioniert. Es gibt zwei Partitionen für Daten und zwei für Betriebssysteme. Sollte es mal beim Aufspielen eines neuen Linux Schwierigkeiten geben, so kann man immer noch das alte funktionierende Betriebssystem weiterbenutzen. Solange man sich auf der richtigen Partition tummelt sollte es damit auch keine Schwierigkeiten geben. In meinem Fall habe ich die falsche Partition bespielt. Und so konnten meine Augen dem unsäglichen Fortschrittsbalken kaum folgen, bis auch schon mein halbes Leben wegformatiert war. Man realisiert sofort, ich hatte nur nicht genug Zeit, den Rechner über den Notaus zu stoppen.

Das digitale Zeitalter ist zwar ein Segen, weil alles unmittelbarer und unkomplizierter ist, aber wenn man einmal die OK Taste zuviel gedrückt hat (vielleicht auch in Ermattung des immerwiederkehrenden OK-Buttons), können anschließend nur noch Speziallabors die Daten zurückholen. In diesem Fall geht es um Daten der letzten 8 Jahre (Dipl. Arbeit, Mails, Fotos, Gedanken…) Jeder weiss, dass man seine Daten zu sichern hat, aber man macht es nur selten, weil es so unglaublich unproduktiv ist. Man produziert viel “Müll” und nimmt sich vor beovor man die Daten sichert, diese erstmal gründlich zu durchforsten, was man noch braucht, und was für immer im Nirvana verschwinden kann.

Das ungewöhnliche am Digitalen ist, das es restlos verschwindet. Es ist so weg, als sei es niemals dagewesen. So richtig konnte ich das erst begreifen, als es mir passiert ist. Wenn man etwas aus seinem Speicher oder Keller wegschmeißt, so hinterläßt man Spuren, aber bei der Vernichtung von digitalen Daten bleibt nichts übrig. Im Zusammenhang  mit Datenschutzfragen ist das sicherlich auch richtig, aber hier geht es um etwas anderes: Je nachdem wie der PC in die Lebenswelt eingebettet ist, ist er mehr als nur Medium, er wird zum Abbild des Gehirn. Bei Harry Potter gibt es dafür das Denkarium, hier können Gedankenfäden in einer Schlüssel abgelegt werden, damit sind sie materialisiert, aber der PC speichert sie als 0 und 1 und damit sind sie immateriell.  Die Ideenvernichtung ist somit täglich vorprogrammiert.

Auf der Suche in diversen Forum nach dem Befehl, der mir meine Ideen und damit enen Großteil meines Lebens zurückgibt bin ich auf viele Opfer der Gedankevernichtung gestossen. Sie waren nicht traurig, sondern eher sauer. Dabei haben sie gerade ein Stück ihres Lebens vernichtet. Vor 6 Jahren bin ich umgezogen, da habe ich alle Unterlagen durchforstet und was ich nicht mehr benötigte, habe ich zerissen und weggeschmissen. Während des Vorgangs des Zerstörens hat man genug Zeit auch darüber nachzudenken, ob man es nicht doch behalten sollte. Man musste auch jedes Erinnerungsstück nocheinmal in die Hand nehmen. Das macht zwar viel Arbeit, aber man weiss, was man gerade vernichtet. Bei der Formatierung meiner Partition war das anders. Einmal OK geklickt, nochmal bestätigt und innerhalb weniger Millisekunden werden gigabyteweise Daten vernichtet, so als hätte es sie nie gegeben. Aber es gab auch keinen der mich daran hindern konnte. Wenn man länger darüber nachdenkt, dann ist es fahrlässig, dass soetwas überhaupt möglich ist.

Es hat mir aber wiedereinmal deutlich gemacht, dass diese Generation verloren ist, wenn sie weiterhin auf wiederbeschreibbare Datenträger setzt. Gegen eine CD ist ja nichts einzuwenden, da steht zwar nach 20 Jahren auch nichts mehr drauf, aber bis dahin habe ich genügend Zeit, die Daten auf einen anderen Datenträger zu kopieren. Bei all den mobilen Festplatten und USB-Sticks und SD-Cards und wie sie alle heißen, sind die Datenbestände schnell formatiert und neu bespielt, sie sind schließlich wiederbespielbar, das macht es ja so praktisch, gleichzeitig aber auch fatal.

Während ich 10 Jahren noch eine ganze Batterie an Kassetten, mit Musik aus meiner wilderen Zeit hatte, hinterlassen die neuen Speichermedien keine Spuren und wenn ich doch all meine mp3s irgendwo abspeichere, erhöht sich mit jedem Tag das Risiko, dass sie überspielt werden.

Da verschwinden die Gedanken in Form von Daten einer ganzen Generation und ich rede hier nicht über professionelle Hochsicherheitsserver, deren Festplatten sich 5 mal am Tag spiegeln um jeden möglichen Datenverlust zu verhindern, sondern ich rede über die vielen Privat PC’s mit all den E-Mails an die Kinder oder den Bildern vom letzten Weihnachtsfest, den semiprofessionell gestalteten Einladungskarten oder auch den Briefen an die Telekom oder das RWE.

Leben ohne das jemand anders weiss, das man gelebt hat ist so, als hätte man gar nicht gelebt. Viele Künstler sind erst bekannt geworden, nachdem sie verstorben war, weil sie ein Werk hinterlassen haben, wir werden nichts hinterlassen, denn wenn wir sterben, werden all unsere Daten gelöscht, und wenn wir keine Cd von unserem Leben angefertig haben, dann sind wir gar nicht dagewesen.

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Worum gehts hier?

@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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