Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Meine Antworten auf die Fragen der Internet Enquete Kommission zu Medienkompetenz

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Internet Enquete LogoAm 13.12. tritt die Internet Enquete Kommission des Bundestages zusammen um sich zum Thema Medienkompetenz zu beraten. Dazu waren die Angehörigen der Kommission aufgefordert, Fragen der Mitglieder der Kommission zu beantworten. @Ertelt sitzt als Sachverständiger in dieser Sitzung. @Mrtopf hat ein Etherpad eröffnet, in dem Jede/r helfen konnte @ertelt mit Ideen zu versorgen. Ich habe dort auch meine Antworten zusammengeschrieben und hier noch einmal veröffentlicht. Der Fragenkatalog ist deutlich länger und ich habe gar nicht auf alle Fragen eine Antwort, der arme @ertelt braucht aber in jedem Fall eine. Ich würde mich freuen, wenn ich ein wenig helfen konnte.

Welchen Einfluss hat die technische Ausstattung bei Kindern und Jugendlichen auf die Erlangung von Medienkompetenz? Wie viele Kinder und Jugendliche haben Zugang zu einem Computer? Können eigene Laptops Bildungschancen eröffnen und den Unterricht unterstützen? Ist die Ausstattung mit Computern oder Spielkonsolen abhängig vom Milieu der Familie? Sind die Bildungschancen in Haushalten geringer, die nur über Spielkonsolen verfügen? Wie kann dem ggf. seitens des Staates entgegengewirkt werden?

JIM Studie sagt, es hängt mit der Literalität zusammen. Je eher Jugendliche lesen und schreiben können umso eher erschließt sich ihnen auch das Internet. Von dem Zugang zu den Geräten hängt es nicht ab, die ist durch alle Bevölkerungsschichten laut JIM Studie recht gut erschlossen. So gibt es zu nahezu 100% eine Verfügbarkeit zu Handys, schon ab 12 Jahren. 100% können auf einen Computer/Laptop zugreifen, Knapp 80% besitzen sogar ein eigenes Gerät. (JIM 2010, S.8)

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Welche Instrumente der Medienkompetenzförderung sind erfolgversprechend? Wie können noch mehr Kinder und Jugendliche beispielsweise direkt in sozialen Netzwerken erreicht werden, welche Rolle können dabei virale Kampagnen spielen und gibt es bereits erfolgreiche Beispiele?

Erfolgreich ist vor allem f2f. Dort kann klar gemacht werden, dass es vor allem um die Erlangung sozialer Kompetenzen geht und dass es um einen ganzheitlichen Ansatz gehen muss. Es geht aber natürlich nicht nur um die Kompetenzen der Kinder, sondern auch der Eltern und der Erziehenden generell

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Wie kann Medienkompetenz besonders erfolgreich vermittelt werden? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?  Welche neuen Strategien zur Vermittlung von Medienkompetenz zeichnen sich ab? Ist die Vermittlung von Medienkompetenz in jedem Alter gleich erfolgreich? Welche altersspezifischen Unterschiede sind bei der Vermittlung von Medienkompetenz zu berücksichtigen?

Schaut man auch hier in die JIM Studie und in die Nutzung Jugendlicher, so stellt man fest, dass über alle Alltersaggregate hinweg, also von 12-19 die Jugendlichen das Netz vor allem zur Kommunikation nutzen. Hierbei steht vor allem der Instant Messenger, also ein nicht öffentlicher Dienst im Vordergrund. Mit zunehmendem Alter gewinnt die Recherche nach Informationen zugunsten des Computerspielens an Bedeutung. Je höher das Bildungsniveau, um so mehr wird das Internet zur Informationsrecherche genutzt. (JIM 2010, S.29) Grundsätzlich sind die Jugendlichen in der Nutzung der stark frequentierten Dienst sehr medienkompetent. Das ist z.B. ablesbar an dem eher konservativ, reflexiven Umgang mit sozialen Netzwerken. Man muss jedoch an dieser Stelle aufpassen, dass nicht reaktivierend Angst geschürt, sondern aktivierende Kompetenzen vermittelt werden. D.h. in der Nutzung des Internets wird die aktiv informationsverarbeitende Dimension komplett unterbelichtet. Jugendliche sollten in der aktiven Nutzung und Produktion von Informationen Kompetenzen erlernen und den Umgang mit dem Feedback schulen. Wenn der Umgang mit Medien aktiv erfahren wird, eröffnet sich ein vollkommen neuer Erfahrungshorizont. Je Älter also die Jugendlichen sind, umso abstrakter kann die Informationsproduktion und die Reflektion von Öffentlichkeit erfolgen.

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Wo sehen Sie die bislang größten Defizite in der Vermittlung von Medienkompetenz?  Wenn sich die Anforderungen an die Fähigkeiten der Nutzerinnen und Nutzer stetig verändern, was sind dann die Basis-Fähigkeiten, die notwendig sind, um später auf diesen weiter aufzubauen?

Unsere Mediensozialisation ist zutiefst vom Informationsempfang bestimmt und die Produktion von Medien in dieser Sozialisation von Massenöffentlichkeit. Das Internet erzwingt jedoch eine vollkommen neue Dimension des Öffentlichkeitsbegriffs und einen Relaunch des Medienbegriffs. Zum Medienbegriff kann man bei Lisarosa und mir weiterlesen: http://www.dotcomblog.de/?p=2493http://shiftingschool.wordpress.com/2010/11/20/nachlieferung-zum-medienbegriff/ Demnach müssen sich Jugendliche aber auch Erwachsene von den bisherigen Vorstellungen über Medien befreien, weil das Internet eine vollkommen andere Qualität hat. Die größten Defizite bisheriger – nicht aller Versuche – der Vermittlung des Umgangs mit dem Internet liegt darin, dass es als Analogie zum Fernsehen, Radio und der Zeitung verstanden wird. Genauso wird es auch bisher genutzt, auch von Jugendlichen. Es werden aber zunehmend kollaborative und soziale Kompetenzen erforderlich, die das Individuum alsTeil eines Ganzen begreifen lassen. Sehr selten werkelt man im Internet alleine vor sich hin, in der Regel, handelt es sich um Kooperationen, es sei denn man nutzt das Internet nur zur Informationsrecherche. Aber schon die Nutzung von Computerspielen macht deutlich, welche Fertigkeiten von den Jugendlichen verlangt werden. Wenn dazu ein offener reflexiver Diskurs stattfindet, können die Jugendlichen die in anderen Bereichen gemachten Erfahrungen auf die Produktion und Weiterverarbeitung von Informationen ausweiten.

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Die Etablierung von Medien als „Massenmedien“ hat immer verschiedenste Anforderungen mit sich gebracht. Mit der Entstehung der alphabetisierten Schrift und (später) des Buchdrucks wurde z.B. eine Alphabetisierung notwendig. Bei der Etablierung des Rundfunks hat man entsprechende technische Gerätschaften benötigt. Welche Anforderungen werden die internetbasierten Medien mit sich bringen (von den technischen Anforderungen einmal abgesehen)?

Es ist ersteinmal wichtig festzuhalten, dass das Internet zwar ein Massenmedium ist, aber anders als die Zeitung, das Radio und der Fernseher keine Massenöffentlichkeiten schafft, sondern cladestine Öffentlichkeiten. Ich denke die allerwichtigste Anforderung wird sein, den Menschen Lesen und Schreiben beizubringen, und zwar nicht nur für den Eigenbedarf, sondern für die gesellschaftliche Teilhabe. Knapp 4 Millionen funktionale Analphabeten kann sich eine Wissensgesellschaft nicht leisten. Der Zugang zum Internet wird bestimmt von Lesedurst und Informationsverarbeitungsdurst. Wenn Menschen keine 2 Sätze hintereinander schreiben können, werden sie sich trotz aller technischer Möglichkeiten nur rezeptiv mit den Angeboten auseinandersetzen können.

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In welchen Bereichen bestehen strukturell Defizite für Bürgerinnen und Bürger, sich aktiv der für sie wertvollen internetbasierten Dienste selbstbestimmt zuzuwenden?

Angst vor dem Kontrollverlust der eigenen Privatsphäre ist ein sehr treibendes Moment, dass die Zugang zum Internet verhindert, siehe http://www.dotcomblog.de/?p=2054

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Für welche der bestehenden Defizite existieren bislang keine adäquaten (qualitativ, räumlich, zielgruppengerecht etc.) Angebote?

Die Frage, wie geht man mit der im Internet herzustellenden Öffentlichkeit um, wird zur Zeit sehr selten beantwortet, und wenn dann mit der Warnung nicht zu viel von sich preiszugeben. Es geht jedoch im Internet nicht um die Person, sondern immer um das, was sie sagt bzw. schreibt. Im Bereich der Jugendbildung ist also die Frage, wie die pubertären Selbstfindungsprozesse mit Hilfe des Internets kompensiert und damit verarbeitet werden können.

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Gibt es strukturelle Defizite bei der Förderung von Medienkompetenz (Wissensmangel, Geldmangel, Kompetenzkonflikte) und wie könnten sie ggf. behoben werden? Empfiehlt es sich, ein lernfähiges System zu etablieren, das frühzeitig neuen Bedarf erkennen und möglichst adäquate Lösungen entwickeln hilft, und wie könnte es ggf. aussehen?
Ich empfehle keine allgemein gültigen Lösungen zu entwickeln. Führerscheine und Zertifikate bescheinigen keine Medienkompetenz, sie beschreiben eher einen Lernprozess der abschließbar ist. Letztendlich handelt es sich aber um die Fähigkeit auf die immer wieder neuen Herausforderungen reagieren zu können. Vor 10 Jahren wurde ein Computerführerschein etabliert, der bei den Jugendlichen heute ein leises schmunzeln auslöst. Es geht darum diese Kompetenzen mit den Lerneinrichtungen Schule und Co zu verschmelzen. Es kann nicht darum gehen Bedarfe frühzeitig zu erkennen, weil sie auf der Umsetzungsebene schon wieder veraltet sind, wenn sie benötigt werden

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Einmal von Kindern und Jugendlichen abgesehen – welche Personengruppen sollten vorrangig Ziel von Medienkompetenzvermittlung sein und warum? Welche Erfahrungen bei der Medienkompetenzvermittlung gibt es mit verschiedenen Zielgruppen?

Bei meiner Arbeit mit Erwachsenen stelle ich immer wieder fest, dass eine Horizonterweiterung vor allem im Bereich möglicher Betätigungsfelder nötig und für die Erwachsenen hilfreich ist. Dabei geht es nicht um ein weiteres Portal zur Informationsbeschaffung, sondern um z.B. die Nutzung von RSS-Readern, Plattformen wie Campact, Delicious. Also dort, wo in kleinen Happen Informationen ins Netz geschrieben werden. Überall dort, wo die Plattform eben auch Kulturraum ist, fangen Erwachsene an, die Weite des Internets zu verstehen.

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Welche Komponenten der Medienkompetenz können durch Serious Gaming vermittelt werden? Wo besteht im Bereich des Serious Gaming noch Forschungsbedarf und welche Erkenntnisse beim Erfolg der Kompetenzvermittlung durch Serious Gaming können als gesichert angesehen werden?

Ich halte Serious Games für keine tragfähige Methode zur Vermittlung von Medienkompetenzen. Sie führen den Nutzer in einen simulierten Raum, der niemals die Wirklichkeit abbildet. Die Produktion solcher Simulationen sind darüber hinaus so teuer, dass die Gelder besser in die f2f Arbeit investiert werden können als in die Konstruktion einer Technik, die einen Lerngegenstand simulieren sollen.

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@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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