Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Profile, Soziale Netzwerke und die Macht des Standards

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CC by-nv-sa by brtsergio (flickr)

Waren es nicht die Provider mit ihren Miniwebpacks, die die Internetnutzer gewinnen wollten, eine eigene kleine Webseite über sich zu betreiben. Das Web sollte zum frei gestaltbaren Telefonbuch für jeden werden, in dem ich meine Person darstellen konnte, wie es mir gefiel. War das nicht die Zeit der Frontpages, animierten Gifs, unsäglicher Farbkombis und Webseitenbaukästen? Dieses Zeitalter hat glücklicherweise ein Ende. An die Stelle der digitalen Visitenkarten und Forenprofile sind Plattformen getreten, deren einziger Zweck die Erstellung eines Profils ist. Während Myspace den Webbaukastenbauer/innen den Umstieg mit Erhaltung der bekannt grottigen Ästethik erleichterte, hat Facebook Technologien auch jenseits der eigenen Plattform entwickelt, um das eigene Profil zu promoten.
Die sich jetzt ausbreitende Diskussion problematisiert eine schon in den frühen 90ern angelegte Entwicklung, die aber dem Netz inhärent ist. Wenn man sich nicht anfassen kann, braucht man sehr detailreiche Profile, mit vielen Bildern und vielen Möglichkeiten sein Profil zu individualisieren um sich von dem der Anderen trotz aller visueller Ähnlichkeiten abzugrenzen. Das Profil wird damit zur Kommunikationszentrale im Internet.

Eines der ewigen Forderungen an das Netz war sein demokratisierendes Potential zu entfalten, möglichst Jeden zum potentiellen Sender zu machen. Es war nie einfacher selbst Inhalte zu produzieren und zu distribuieren. 400 Mio Profile auf Facebook haben Netzwerke hervorgebracht, Kommunikationszusammenhänge geschaffen und Bewegungen organisiert, wie zu keiner anderen Zeit. Politische Kampagnen waren möglich, weil der Einzelne immer Zuhörer und Mitleser fanden und somit ihre Stimme erheben konnten. Virale Kampagnen wurden erst später von den Marketingabteilungen adaptiert. Das Argument “Was kann ich alleine schon ausrichten” hat dank globaler aber regionaler Netzwerke an Schlagkraft verloren. Facebook, Twitter und Co haben daran einen großen Anteil.

Soziale Netzwerke und die Macht der Standards

Wäre Facebook ein kleines unbedeutendes Netzwerk mit ein paar 1000 Nutzern, niemand würde das Bedürfnis sich darzustellen problematisieren. Die Kritik richtet sich auch selten gegen die Nutzer (und wenn dann wird ihm/ihr fehlende Medienkompetenz vorgeworfen), sondern meist gegen den Konzern. Allerdings sollte man nie vergessen, dass solche Profile die logische Konsequenz einer immateriellen Welt sind. Genauso wenig sollte man vergessen, dass es Teil der bisher zu beobachteten Netzwerkökonomie war, dass es in allen Bereichen Platzhirsche gegeben hat. Ich beobachte im Moment eher, dass deutlich mehr Player mitspielen, als noch vor 6 Jahren. Seien wir doch mal ehrlich wen stört es zur Zeit, dass Microsoft immer noch 80% (wahrscheinlich mehr) des Betriebssystemmarktes beherrscht und damit auch Innovationsmotor für die globale Hardwareindustrie ist. Hardware ist designed for Windows. Netzwerke brauchen einheitliche Standards, ob gemeinsam vereinbart, oder als Quasistandard von einem Monopolisten durchgesetzt. Nur die gleiche Sprache läßt Ähnlichkeiten erkennen und gemeinsam etwas erschaffen. Das war mit dem Bau von Eisenbahnen nicht anders. Auch Facebook ist ein solcher gemeinsamer Nenner. Eine Infrastruktur in der Menschen miteinander kooperieren können. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Halbwertzeit solcher Netzwerke begrenzt ist, da sich Menschen nur innerhalb der Basis dieser Infrastruktur begegnen. Auf Dauer ist die Grundlage eines solchen Netzwerks aber zu gleichförmig und schafft keinen Mehrwert mehr für die Beteiligten. Dann wenden sie sich anderen Plattformen zu. So wird es auch Facebook ergehen. So ist es schon Myspace ergangen und auch dem VZ-Netzwerk prognostiziert Spiegel Online eine trübe Zukunft. Alle wechseln zu Facebook bis der nächste Metadienst seine Arbeit aufnimmt.

Es ist der ewig gleiche Schmeissfliegenautomatismus der Presse, mit aller Kraft zu simplizieren und sich einen Endgegner zu schaffen. Nicht Facebook, Twitter und Co. verändern das Verhältnis der Menschen zu ihrem digitalen Avatar, sondern die dazu passenden Endgeräte wie Smartphones. Wer hätte vor 5 Jahren gedacht, dass Handys mit Kamera wirklich gebraucht werden? Heute stammen die ersten Bilder furchtbarer Naturkatastrophen, Anschläge, Kriege von ebendiesen Endgeräten.

In der ganzen Diskussion stechen immer zwei Vorwürfe hervor: Belanglose Statusmeldungen der Nutzer/innen auf der einen Seite und Daten, die der Konzern an Dritte herausgibt und die ich bei einer späteren Bewerbung einmal bereuen könnte. Was denn jetzt belanglos und was ist relevant? Der scheinbare Widerspruch ist dabei gar keiner. Eine Information ist nie belanglos, es kommt nur auf den Zusammenhang an in der sich der Rezipient befindet. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich selbst mein Profil hoste oder ob es von einem Konzern gehostet wird. Ich spiele damit auf die Facebook Alternative an, bei der die Privatsphäre im Vordergrund stehen soll. Wird sich irgendetwas an der Grundidee die Pofile, Avatare oder wie auch immer man sie nennt ändern? Nur dann, wenn ich offen genug bin, kann sich mein Alter Ego zu einer Kommunikationszentrale entwickeln, also zu einem Ort, an dem meine Ticks für Andere relevant werden.

Fazit:

Große privatwirtschaftliche Player sind die Grundlage von Netzwerken. Sie haben Geschäftsmodelle, nach denen zur Zeit unsere Daten stark nachgefragt werden. Sollte dieser Handel auf Dauer inflationieren, wird man nach anderen Geldquellen suchen. Dennoch bleibt abzuwägen, das die im Internet gewonnene Freiheit nicht nur Schatten-, sondern auch Sonnenseiten hat. Eine ist mit Sicherheit ein Zugewinn an Demokratie.

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Worum gehts hier?

@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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