Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Shift für Alle

Shift happens
Shift happens

CC by Pilot Theatre (flickr)

Ich habe vor ein paar Tagen auf der Orstvorstandssitzung der IG Metall Oelde-Ahlen und Gütersloh einen Vortrag über das Internet gehalten. Frei nach dem Motto, wir müssen die Gesellschaft mitnehmen, habe ich das Internet, so wie ich es sehe vorgestellt und Methoden präsentiert, es in Bildungsprozesse zu integrieren. Aber wie will man den Shift verstehen, wenn man in Internet-für-die-Tasche-Handys das Abendland untergehen sieht? Offensichtlich ist das einzige, was solche Geräte leisten, die vollständige Abhängigkeit und Verdummung der Menschen.

Selbst das den kritischen Blicken der Medien entkommene Navi im Auto gehört zu diesen Bedrohung. Lieber mal auslassen und mit der Karte fahren, so wie früher, damit wir das bloß nicht verlernen. Technik wird zwar als Hilfe verstanden, ist aber auch verbunden mit dem asketischen Anspruch, es müsse auch ohne alle diese Extensions gehen.

Sich mit Veränderungen in technokratischen Gesellschaften auseinaderzusetzen ist natürlich keine intellektuelle Leistung, sondern eine Frage von liebgewonnenen Gewohnheiten, die Sicherheit bieten, es erscheint vielleicht wie eine Revolution ohne Not. Im Prinzip funktioniert doch alles, weswegen denn jetzt auch noch Internet in der Hosentasche? Peter Kruse würde an dieser Stelle nicht von Gewohnheiten sondern von Werten sprechen. Mir erscheint aber in diesem Zusammenhang Gewohnheit angemessener.

In den Diskussionen mit dem IG Metall Ortsvorstand wurde deutlich, dass es weniger um Datenschutz und Abhängigkeiten geht, sondern vielmehr um Nutzen und Gewohnheiten. Warum sollte ich ein solches Handy anschaffen wenn ich es nicht brauche? Wir sind gewohnt neue Situationen solange zu ignorieren, bis es nicht mehr geht. Dann wird reagiert. Von der Gestaltung der vor uns liegenden Zukunft sind diese Strategien aber weit entfernt.

Natürlich fordern neue Techniken auch Bedienkompetenz von uns ein und da bin ich ganz bei Lobo, wenn er der Auffassung ist, dass die Gestaltenden von Technik sich bisher keine große Mühe geben, es für die Nutzenden anwendungstauglich zu konzipieren (übrigens ein äußerst unterhaltsamer Artikel). Es wird aber auch häufig von dem Paradigma ausgegangen, dass es Gestaltende und Nutzende gibt. So wie wir gerne die Möglichkeiten nutzen unser Auto selbst zusammenzustellen, sollten wir auch Technik gestalten können. Ich gebe zu, wir stehen da noch ganz am Anfang, und von der Schaffung individueller Umgebungen sind wir noch weit entfernt.

Wenn ich einen Döner in der Bude um die Ecke bestelle, dann gibt es keinen Defaultzustand. Mit oder ohne Kraut, scharf oder mittel, mit oder ohne Knoblauch, weil er zu dem Zeitpunkt, wo ich ihn kaufe noch gar nicht fertig ist. Bei den Autos ist es genauso. Wieso wäre nicht ein Browser denkbar, der erst nach der Einrichtung benutzbar ist, wieso gibt es ihn in Default? Es ist natürlich nur eine scheinbare Gestaltbarkeit, weil die möglichen Varianten endlich sind, aber es wäre der Anfang, Gewohnheiten zu hinterfragen.

Ich beschäftige mich gerade mit der Gestaltung von Seminarräumen, die vor dem gemeinsamen Lernen erst eingerichtet, sozusagen bewohnbar, gemacht werden müssen. Die damit verbundene Grundhaltung für den Rest des Seminars ist, Verantwortung für die gemeinsame Zeit auf alle Beteiligten zu übertragen, denn wer gestaltet, übernimmt Verantwortung. Wer Verantwortung übernimmt handelt reflektiert, weil die Entscheidungen mit den anderen Beteiligten kommuniziert werden müssen, aber dazu mehr in einem gesonderten Blogposting.

2 Kommentare

  1. 1. September 2011    

    ja guck jetzt mal auf das, was Beat Döbeli bemerkt hat: die professoralen medienpädagogen (in Deutschland) trauen dem internet ja selbst nicht über den weg und radieren im netz, um es anschließen totholzig ein zweites mal zu veröffentlichen. ein besseres beispiel für die übergangsgesellschaft – ich nenne sie gerne anatalien, das ist eine schöne idee – und die ambiquität, die diesen armen profs dabei zu schaffen macht, ist ja kaum denkbar!
    hier jetzt aber: http://wiki.doebe.li/bin/view/Beat/MedienbildungUndMedienkompetenzInDerBuchdruckgesellschaft

  2. gibro gibro
    17. September 2011    

    Danke für den Hinweis, oh gott ist das schlecht. Ich habe mal direkt bei Beat dazu kommentiert:
    http://wiki.doebe.li/Beat/MedienbildungUndMedienkompetenzInDerBuchdruckgesellschaft

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@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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