Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Unterstützen statt schützen

große Hand zieht kleine Hand aus dem Wasser
große Hand zieht kleine Hand aus dem Wasser

CC by-nc-nd Merlin1487 (flickr)

@ertelt hatte mich auf die 8 Thesen des Herrn Friedemann Schindler von jugendschutz.net zu “Aufwachsen mit dem Netz” aufmerksam gemacht und um Kommentare gebeten. Deshalb habe ich mir ein paar Gedanken zu den unsäglichen Thesen gemacht, die zwar schon als Kommentar auf dialoginternet zu finden sind, aber hier im Blog in der Reihe zum #jmstv nicht fehlen dürfen:

  1. Junge Menschen unterhalten, informieren und beteiligen sich heute ganz selbstverständlich im Netz. Ein Leben ohne Angebote wie Wikipedia, YouTube oder Facebook, die auf internationaler Vernetzung von Usern basieren, ist für sie nicht mehr vorstellbar.
    Sehe ich genau so
  2. Kinder und Jugendliche brauchen vernetzte Angebote, die ihre Kompetenzen fördern und ihnen helfen, die Chancen des Internets positiv zu nutzen. Sie brauchen aber auch Sicherheitsnetze, die sie im Notfall auffangen, die Risiken reduzieren und Gefährliches herausfischen.
    Gefährliches herausfischen, klingt wie ein Nebensatz, macht aber die Melodie. Was ist gefährlich, und wer soll es wie herausfischen. Solche Sicherheitsnetze werden in der Regel als Bedrohung ihrer Freiheit im Internet verstanden und werden eher unterlaufen als respektiert. Wichtiger ist mit Risiken umgehen zu lernen statt Jugendliche davor zu schützen.
  3. Kompetenz und Kontrollen sind keine Alternativen, sondern zwei Seiten einer Medaille. Förderung von Kompetenzen, technische Schutzlösungen und Kontrollen, ob Anbieter bestehende Regeln einhalten, sind der Stoff, aus dem Netze für ein gedeihliches Aufwachsen mit dem Internet geknüpft werden müssen.
    Das Horn, in das geblasen wird ist ein Ähnliches wie in These 2. und die Antwort muss lauten wir können nicht schützen, sondern nur Umgang erlernen. Auch Kontrollen gegenüber den Anbietern wird schwer durchsetzbar sein, dafür sie die infragekommenden Risiken und Gefahren zu zahlreich.
  4. Begleitung und Schutz junger User setzen Netze voraus, in denen alle Akteure in gemeinsamer Verantwortung Rahmenbedingungen für ein gedeihliches Aufwachsen schaffen. Anbieter müssen Rücksicht nehmen, Pädagogik muss Kompetenzen fördern und staatliche Instanzen müssen Verstöße sanktionieren.
    Ist unterstützenswert
  5. Kinder brauchen ein dichtes Netz an Unterstützung, weil sie sich alleine nicht zurechtfinden, sehr verletzlich sind und die Folgen ihres Handelns nicht abschätzen können. Jugendliche brauchen durchlässigere Netze, weil sie lernen müssen, das Internet verantwortlich zu nutzen, Risiken zu meiden und sich gegen Belästigungen zu wehren.
    Einverstanden, auch die Unterscheidung in Kinder und Jugendliche ist richtig, die daraus resultierenden Vorschläge auch.
  6. Dialog ist die Voraussetzung, um digitale Gräben zu vermeiden. Die Bedürfnisse und Rechte aller Gruppen der Netz-Community – vor allem die Sichtweise von Eltern, Kindern und Jugendlichen – sind zu berücksichtigen. Chancen und Risiken dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden.
    Warum geht es in diesem Zusammenhang um die Bedürfnisse und Rechter der Community. Darum kann es doch nur gehen, wenn man statt individualisierter Lösungen für Kinder und Jugendliche über eine Veränderung der Infrastruktur nachdenkt, die alle Nutzer betreffen würde. Das ist natürlich abzulehnen. Was ist gemeint mit dem gegeneinander ausspielen der Chancen und Risiken, das müßte konkreter werden.
  7. Es genügt nicht, über Chancen und Risiken zu reden, wir müssen noch mehr tun, damit ein gedeihliches Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen im Netz gelingt. Dieser Dialog muss mit dem Ziel geführt werden, konkrete Verbesserungen zu erzielen.
    Das ist eigentlich keine These, oder? Natürlich reicht es nicht, über Chancen und Risiken zu reden, ein Umgang mit dem Netz muss gelebt werden.
  8. An einem Netz für Kinder knüpfen bereits viele ehrenamtliche Kinderseitenbetreiber, Wirtschaft, Staat und Jugendschutz gemeinsam, um attraktive und sichere Surf- und Kommunikationsräume für die Jüngsten schaffen. Diese Initiative gilt es weiter zu entwickeln. Für Jugendliche brauchen wir eine vergleichbare Initiative.
    Da würde ich massiv wiedersprechen, wir brauchen kein Kinder- und Jugendnetz, in dem sie von dem Erwachsenennetz abgeschnitten sind, sondern wir brauchen ein Netz, in dem wir miteinander reden können, egal welches Alter wir haben. Kinder und Jugendliche brauchen keinen Schutzraum, sondern wie an anderer Stelle viel treffender gesagt sie brauchen Unterstützung.

2 Kommentare

  1. 17. Februar 2011    

    Es ist eine schwierige Frage, ob Kinder tatsächlich keinen Schutzraum benötigen. Einerseits ist es wie im Straßenverkehr. Dort gibt es auch nur einen Rad- und Fußweg sowie eine Ampel für alle.

    Andererseits ist es utopisch zu glauben, dass Kinder nur in Beisein der Eltern im Netz surfen. Es muss auch eine Möglichkeit für Kinder geben, das Internet auszuprobieren, ohne Gefahr zu laufen, durch eine Google-Suche oder einen Chat mit Dingen konfrontiert zu werden, die kein verantwortungsbewusstes Elternteil seinen Kindern jemals unkommentiert zeigen würde.

    Der Umgang mit dem Netz kann nur ab einem gewissen Alter “gelebt werden”. Davor wäre ich als Vater sehr dankbar für Angebote, die mein Kind so an das Netz heranführen, dass ich keine Sorge davor haben muss, dass sie auf Dinge stoßen, die sie nur schwer verarbeiten können.

  2. gibro gibro
    18. Februar 2011    

    Ich gebe dir recht, dass es nicht leicht ist, aber ungekehrt sollte man Kinder zumindest bis sie 6-7 Jahre alt sind und noch nicht lesen können keinesfalls alleine am PC lassen. Zufällig bei einer Googlesuche über Dinge zu stolpern, die Kinder in dem Alter nicht sehen dürfen ist nicht mehr als eine theoretische Gefahr, die ich gar nicht runterschreiben will, aber bisher habe ich z.B. pornographischen Content noch nie zufällig gefunden, sondern nur gezielt. Wenn Kinder gezielt suchen wird es jedoch auch schwer sie vor Dingen zu bewahren, die sie nicht sehen sollten. Dagegen hilft auch kein Filter.

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@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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