Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Educache zu Martin Luther King

By martin luther king (wikipedia) [Public domain], via Wikimedia Commons

Für den re:publica-geocache habe ich die Geschichte “Let my people go” von Stefan Appelius, erschienen bei einestages und chrismon, ausgewählt. Sie erzählt die Geschichte von Martin Luther King, der am 13. September 1964 unangekündigt in Ost-Berlin eintraf. Ein geistlicher Bürgerrechtler trifft auf das DDR System. Eine recht brisante Begegnung. Der Cache lädt ein, diese Geschichte noch einmal an den original Schauplätzen zu erleben.

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Der Educache (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 4.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Guido Brombach für dotcomblog.de. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken finden sich direkt bei den Abbildungen.

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ACHTUNG: Der Cache ist nicht mehr versteckt, aber mit Hilfe der Koordinaten kann man ihn schnell wieder verstecken. Das Copyright für die erzählte Geschichte liegt bei dem unten erwähnten Stefan Appelius. Die Rechte der Bilder liegen bei Chrismon und können nicht ohne weiteres weiterveröffentlicht werden.

Alle für den Cache nötigen Dokumente, findet könnt ihr Downloaden:

Download

Der Cache ist in 3 Varianten abrufbar:

  1. Smartphone-kompatible Version (erforderlich ist ein GPS Modul, eine QR-Code lesende App und ein Internetzugang)
  2. Drucker-kompatible Version (erforderlich ist ein Drucker)

Der Startpunkt für alle drei Varianten ist der ehemalige Grenzübergang Berlin, Heinrich-Heine-Straße, Ecke Annenstr. (52.508111, 13.414084).

Laut Google benötigt man für die zu laufende Strecke 37 Minuten, dazu ein wenig nach den Caches suchen und an den Orten verweilen. Plant also 60-90 Minuten für den Cache ein. Der Cache besteht aus 3 Stationen + einem Bonus-Cache ganz in der Nähe des Friedrichsstadtpalastes. Für den Bonus-Cache sind allerdings entweder gute Ortskenntnis oder ein Internetzugang nötig.

Grenzübergang Checkpoint Charlie, Sonntag, 13. September 1964, kurz nach 19 Uhr. Eine Limousine mit amerikanischem Kennzeichen hält an der Schranke, die Berlin in West und Ost teilt. Im Fond des Wagens sitzen ein dunkelhäutiger Mann und seine Frau. Die DDR-Grenzer erstarren: Es ist der US-Bürgerrechtler Martin Luther King – Ikone der Hoffnung für Millionen Afroamerikaner, “Mann des Jahres 1964” von “Time Magazine”, angehender Friedensnobelpreisträger.

Er werde in der Hauptstadt der DDR erwartet, sagt King; leider habe er keinen Ausweis bei sich. Den hätten ihm Mitarbeiter des State Department abgenommen, um seinen Ausflug in den Osten zu verhindern. Mit schnellen Schritten verschwindet einer der Grenzer im Abfertigungsgebäude. Bis er zurückkehrt, vergeht eine gute halbe Stunde. Die Dame müsse leider aussteigen, lässt der Uniformierte die Wartenden wissen. Aber für den Herrn Pfarrer werde man eine Ausnahme machen. “Irgendwie” allerdings müsse sich der Amerikaner beim Grenzposten legitimieren. “Reicht Ihnen das?”, fragt King und zeigt seine American-Express-Karte vor. Der Grenzer nickt kurz. Dann öffnet sich die Schranke.

Der berühmteste Berlin-Besucher seit John F. Kennedy ist am Vortag auf dem Flughafen Tempelhof gelandet, empfangen von einem Riesenaufgebot von Reportern, Fernsehkameras und Mikrofonen. Kings jahrelanger Kampf gegen die Unterdrückung der Afroamerikaner in den USA hat ihn auch in Deutschland berühmt gemacht, und spätestens seit seiner historischen “I have a dream”-Rede vor einer Viertelmillion Menschen vor dem Kapitol in Washington ist er eine lebende Legende. Sein größter Erfolg liegt erst wenige Wochen zurück: die Aufhebung der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten.

Davon hat man auch hinter dem Eisernen Vorhang gehört: In den kommunistischen Medien wird der Reverend aus Atlanta, Georgia, als “geistiger Vater” einer “revolutionären Massenbewegung” gefeiert und vereinnahmt.

Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße

Nur 14 Stunden zuvor, am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang. In der Nähe der Grenzübergangsstelle Heinrich-Heine-Straße liefern sich DDR-Grenzer mit West-Berliner Schupos und amerikanischer Militärpolizei ein Feuergefecht. Minutenlang knattern mitten in Kreuzberg automatische Gewehre. Während Volksarmisten mit Stahlhelmen die Laufgräben im Todesstreifen besetzten und sich zwei ostdeutsche Schützenpanzerwagen bedrohlich in Position bringen, gelingt es einem Sergeant der US-Armee, den von fünf Kugeln schwer verletzten 21-jährigen DDR-Flüchtling Michael Meyer aus Fredersdorf mit einem Seil über die Mauer in den Westen zu ziehen.

Als King von dem Zwischenfall erfährt, eilt er sofort nach Kreuzberg. “Das ist unfassbar”, entfährt ihm, als er die Einschusslöcher in einer West-Berliner Hauswand in Augenschein nimmt. King besichtigt auch eine Wohnung, in der Kugelsalven einen Teil der Einrichtung zerstört haben.

Der Vorfall zeige, wie wichtig die internationale Entspannung sei, erklärt King den Reportern. Die Methode des gewaltlosen Widerstandes könne überall funktionieren. “Es gibt für die einzelnen Gebiete und Länder keine Rezepte der Anwendung”, schränkt er gleichwohl ein. “Ich jedenfalls weiß für Ihr Land kein solches Rezept.”

Marienkirche

Pfarrer Gerhard Schmitt, damals 53, ist evangelischer Generalsuperintendent von Ost-Berlin und Kummer gewöhnt. Seit Jahren versucht das SED-Regime, die Kirche in Ostdeutschland zu schwächen. Die Jugendweihe etwa, mit der sich junge DDR-Bürger zum Sozialismus bekennen wie Christen bei der Konfirmation zu Gott, ist Schmitt ein Dorn im Auge. Gegen den klassenkämpferischen Geschichtsunterricht an ostdeutschen Schulen hat der Gottesmann offen protestiert – und wird nun auf Schritt und Tritt überwacht.

“Schmitt gehört zu den aktivsten Gegnern aller progressiven Bestrebungen in den Kirchen der DDR”, heißt es in einer Stasi-Akte über den Patenonkel des damals noch gänzlich unbekannten Joachim Gauck. Schmitt beteilige sich “an der Ausarbeitung von Konzeptionen ganzer Kampagnen weltanschaulicher Art gegen die DDR”. Was “Staatsfeind” Schmitt an jenem Spätsommerabend erlebt, wird er bis an sein Lebensende nicht vergessen – und es ihn in seiner Haltung gegenüber der SED-Obrigkeit bestärken.

Vor der Marienkirche, um die sonst alle einen Bogen machen, drängen sich schon am späten Nachmittag Tausende von Menschen. Die geplante Abendveranstaltung ist dabei nirgendwo öffentlich bekanntgemacht worden, lediglich am Eingang des Gotteshauses kündigt eine Tafel mit Steckbuchstaben einen Ökumenischen Gottesdienst mit einem Gastprediger an: Reverend Martin Luther King Jr.

Obwohl der Gottesdienst erst in einer Stunde beginnen soll, ist die Menge vor der Marienkirche bereits um sechs Uhr unüberschaubar. Niemals werden alle diese Menschen in die Kirche hineinpassen. Schmitt muss jetzt eingreifen. Vor der Marienkirche ist die Menschenmenge unüberschaubar groß geworden, obwohl der Gottesdienst erst in einer Stunde beginnen soll. Gerhard Schmitt in seinem schwarzen Lutherrock mit dem silbernen Kreuz auf der Brust verschafft sich vor dem Hauptportal der Kirche Gehör.

Er müsse das Gotteshaus wegen Überfüllung schließen, erklärt er den wartenden Menschen. ­Wegen des großen Andrangs werde Dr. King heute Abend aber noch einen weiteren Gottesdienst in der nahe gelegenen Sophienkirche abhalten, kündigt er an. Schon drängen etliche Männer und Frauen in Richtung der Hackeschen Höfe. Da nähert sich die Limousine. In Sekundenschnelle ist der Wagen umringt. “Mit Mühe” gelingt es Schmitt, wie er in seinen unveröffentlichten Memoiren schreibt, den prominenten Gast und seinen Dolmetscher, den in Westberlin lebenden amerikanischen Pfarrer Ralph Zorn, durch die Menschenmassen in die Marienkirche zu schleusen. Ein Teilnehmer erinnert sich, dass es an jenem Abend in der Marienkirche so eng gewesen sei, dass man in dem riesigen Kirchenraum “kaum noch Luft”  bekommen habe.

In seiner Begrüßung sagt Schmitt, dass es vor Gott keinen Wertunterschied zwischen Schwarz und Weiß gebe, und fügt hinzu: “Wir wissen um unsere Schuld als deutsches Volk. Aber wir haben auch einen besonderen Nerv dafür bekommen, im Völkergeschehen darauf zu achten, wenn irgendwo auf der Welt Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder auch ihres Glaubens um ihre Rechte und Menschenwürde kämpfen müssen.”

Das sind klare Worte, die Schmitt einen weiteren Eintrag in seine Stasiakte sichern. Im Ministerium für Staatssicherheit hält man ihn schon lange für eine der “reaktionärsten Kräfte innerhalb der Landeskirche”. Als Schmitt verstummt, richten sich alle Blicke auf den Amerikaner. Gebannte Stille in der imposanten, dreischiffigen gotischen Hallenkirche.

King sagt: “My dear Christian friends in East Berlin.” Da setzt plötzlich der Kirchenchor ein und laut ertönt der Spiritual “Go down Moses”, in dem sich immer wieder der Satz “Let my people go” wiederholt: “Lass mein Volk fortziehen.” Dann wird es wieder ganz still. Er überbringe Grüße aus West-Berlin und aus Amerika, sagt King. Er sei zu kurz in Berlin und wisse zu wenig, um sich zu trauen, “das Wort Gottes für Eure Situation” zu sprechen. “Es ist wahrhaftig eine Ehre, in der Stadt zu sein, die Symbol der Teilung durch Menschen auf dieser Erde ist. Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen.”

Dann spricht er über das Leben der Afroamerikaner. Er berichtet von der Näherin Rosa Parks, vom “Montgomery Bus Boycott” und vom gewaltfreien Widerstand seines Vorbilds Gandhi. Es ist der gleiche Text, den er schon in der Waldbühne vorgetragen hat. Die Gemeinde lauscht in gebannter Stille. “Überall, wo Menschen die trennenden Mauern der Feindschaft abbrechen, da erfüllt Christus seine Verheißung”, sagt King und fügt hinzu: “In diesem Glauben können wir aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung hauen. In diesem Glauben werden wir miteinander arbeiten, miteinander beten, miteinander für die Freiheit auf stehen in der Gewissheit, dass wir eines Tages frei sein werden.”

Sophienkirche

Als das letzte Hallelujah verklungen ist, ergießt sich ein Strom von Menschen, die zu Fuß zur Sophienkirche eilen, um auch den zweiten Gottesdienst mitzuerleben. Andere bleiben, zu Dutzenden, um Autogramme zu ergattern, Fragen zu stellen, oder Hände zu schütteln. Frauen drängen nach vorn. Sie umarmen den Amerikaner, es entsteht ein undurchdringliches Knäuel an Leibern.

“Come again – please!”, ruft einer. Der Bürgerrechtler – im schwarzen Anzug, mit grau gestreifter Krawatte – geht ge­duldig auf die ihn umgebenden Menschen ein, während Kameras klicken und suchende Hände in die Luft ragen. Inzwischen drängen sich auf den seitlichen Emporen der nahe gelegenen Sophienkirche schon die Menschen.

Es grenzt an ein Wunder, dass sie nicht einstürzen. Die Leute stehen auf den Gängen, sitzen auf der Barriere der Empore, hocken um Altar und Taufbecken. Einige haben ihr Abendbrot mitgebracht und packen es aus. Als King schließlich mit einiger Verspätung erscheint, schmettern ihm Choräle entgegen. Menschen applaudieren, während er mit federndem Schritt auf die Kanzel klettert.

Der Geocache geht hier fast zu Ende. Zum Schluss kannst du noch einen Bonus-Cache finden. Er befindet sich in der Nähe des “Hospiz am Bahnhof Friedrichstraße”. Das ist ganz in der Nähe des Friedrichstadtpalast. Wer den Final auch noch heben will, der muss die Location selber finden. Eine Recherche im Internet wird weiterhelfen. Falls du den Ort gefunden hast, gehe in die Martin Luther King Kapelle.

Hospiz am Bahnhof

Anschließend begibt sich King im kirchlichen Mercedes in das Evangelische Hospiz am Bahnhof Friedrichstraße. Im Restaurant des Hotels sitzen die Kirchenleute im kleinen Kreis dicht gedrängt beisammen. Weinflaschen werden entkorkt, ein Imbiss gereicht. Bald schon liegt Zigarrenqualm in der Luft, es herrscht eine fröhliche und gelockerte Stimmung. Missions-Direktor Gerhard Brennecke ist gar nicht zu bremsen, und auch Gerhard Schmitt blüht förmlich auf. Erst kurz vor Mitternacht steigt der Gast aus USA wieder in seine Limousine. Durch die Friedrichstraße und über den Checkpoint Charlie fährt er zurück ins Gästehaus des West-Berliner Senats am Kleinen Wannsee; am folgenden Morgen besteigt King ein Flugzeug und verlässt die geteilte Stadt. Sein denkwürdiger Abstecher nach Ost-Berlin bleibt sein einziger Besuch hinter dem Eisernen Vorhang. Am 4. April 1968 wird Martin Luther King, der genau einen Monat nach seiner Berlin-Visite den Friedensnobelpreis zuerkannt bekommt, in Memphis, Tennessee, von einem weißen Rassisten erschossen.

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Worum gehts hier?

@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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