Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Diigo und mein Wissensmanagement

In regelmäßigen Abständen habe ich in den letzten Jahren, immer mal wieder meine Personal Learning Environment (PLE) vorgestellt. An dieser Stelle wär mal wieder ganz dringend ein Update erforderlich, aber ich merke wie zentral in den letzten Wochen Diigo für mich geworden ist. Deshalb habe ich mich entschieden zwei Artikel zu veröffentlichen einen in dem ich meine Workflows in Diigo erkläre und einen zweiten, später, in dem ich den Rest meiner Lernumgebung aufzeige.

Diigo hat in den letzten Monaten einige wichtige strategische Entscheidungen für die Weiterentwicklung ihrer Plattform getroffen. Eine davon war, die Netzwerkfunktionen ein wenig zurückzunehmen und dafür das individuelle Wissensmanagement mit weiteren Features anzureichern.

Seit ca. 4 Jahren bin ich bereit für den Dienst jährlich knapp 30 € zu bezahlen. Diigo selbst benutze ich sicherlich schon deutlich länger. Es war allerdings auch immer klar, dass Wissensmanagement hochgradig individualisiert ist. Die Community-Funktionen habe ich deshalb immer nur benutzt, um einen Feed für meinen Feedreader bereitzustellen, der mir alle Webseiten anzeigt, die meine befreundeten Nutzer_innen bei Digo gemeldet hatten. Ansonsten habe ich für mich selbst gesammelt und sortiert. Umso erstaunter war ich, dass es Diigo nie gelungen ist, eine vernünftige App umzusetzen, die die Funktionen der Webseite abbilden konnte. In dieser Hinsicht waren andere Wissensmanagementsysteme immer deutlich besser zu nutzen. Evernote hatte zum Beispiel von Beginn an eine akzeptable App, mit der es möglich war, auch mobil komfortabel zu arbeiten.

Zusammen mit dem Richtungswechsel von Community zu Individualisierung wurden eine Reihe neuer Funktionen gelauncht, von denen ich im Nachhinein einige als revolutionär bezeichnen würde. Natürlich waren manche Entscheidungen auch von zu viel Aktionismus geprägt, darunter fiel zum Beispiel die erste Version der Annotierbarkeit von PDFs. Diigo musste sich immer dem direkten Vergleich zu Evernote stellen und dort war das annotieren von PDFs von Beginn an ausgereift und durchdacht (wenig bis keine Abstütze, Reduktion auf die nötigsten Funktionen, aufbereitete Zusammenfassung aller Annotationen am Anfang des PDFs, Downloadbar inkl. aller Annotationen …).

Aber kommen wir vielleicht mal zu den nützlichen Funktionen, die Diigo für mein Wissensmanagement und darüber hinaus für meine Seminarvorbereitungen leistet.

Annotation

Ich persönlich bin begeistert von Annotationssystemen. Im Zusammenhang mit der universitären Lehre hatte ich dazu auch mal von einem interessanten Experiment berichtet. Wenn also Unterstreichungen zu einem gelesenen Artikel vorliegen, wird die spätere Rezeption desselben Artikels um ein vielfaches beschleunigt. So ist es möglich, mit dem Text verknüpftes Wissen zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt zu reaktivieren. Und das ist nicht nur eine theoretische Annahme, sondern entspricht meiner täglich gelebten Praxis.

Ich arbeite bei Digitalen Unterstreichungen nur mit einer Farbe und in den seltensten Fällen mit hinzugefügten Notizen.

Outliner

Lange Zeit hat Diigo, genauso wie alle anderen Akteure im Wissensmanagement, auf Kategorisierung und Verschlagwortung gesetzt. Für den Anfang konnten so die Erwartungen an Sortierfunktionen erfüllt werden. Die Kategorisierung ist jedoch in einem Wissensmanagement nicht zielführend, weil es immer mehr als einen Zusammenhang gibt, dem ein Informationsfragment zugeordnet werden können muss. Kategorien bilden darüber hinaus ein in sich geschlossenes System ab. Soll eine neue Kategorie hinzugefügt werden, muss in der Regel der Rest des Kategoriensystems angepasst werden. Und damit sind alle Knoten und Verbindungen des System zur Kategorie auch wieder in Frage gestellt. Das heißt, Kategorisierung ist relativ resistent gegen den Umbau der bestehenden Ordnung.

Diigo hatte deswegen vor einigen Monaten parallel zu den Kategorien Outliner bereitgestellt. Outliner sind für sich genommen ein universelles Sortiersystem, indem Informationen hierarchisch angeordnet werden. Outliner sind nichts anderes als Listen, die ineinander verschachtelt sind. Jede Unterliste bildet eine eigene Ordnung ab und lässt sich mit einem Klick ein und ausblenden.

Die gefundenen und annotierten Webseiten können nicht nur einem Outliner hinzugefügt werden, sondern direkt mehreren. Später hinzugefügte Outliner können einer komplett anderen Sortierlogik folgen und darunter lassen sich wiederum die bereits gefundenen Informationen neu anordnen. So lassen sich an die jeweiligen Bedarfe angepasst immer wieder neue Wissensysteme mit dem bestehenden Informationen bereitstellen. Damit wird auch die Mehrfachverwendung eines Inhaltes in ganz neuen Zusammenhängen möglich.

output_vyn8tqIch habe zum Beispiel zu jedem meiner Seminar einen Outliner erstellt. Wenn ich Artikel lese, überlege ich, in welchen Outliner ich ihn sortiere. Der Outliner selbst besteht allerdings nicht nur aus den gelesenen Webseiten, sondern auch aus editierbaren Listen, die dem Seminarplan entsprechen. Jedem Thema kann ich dann die annotierten Webseiten oder Podcasts oder Youtube-Video unterordnen.

Ich habe allerdings jenseits dieser Ordnung einen sehr großen Outliner mit Webtools, die ich entweder selbst ausprobiert habe oder empfohlen bekommen habe. Der Outliner ist als Sortierkonzept erstmalig universell und kann beliebig erweitert werden.

Da Diigo gerade seine Plattform auf neue Füße stellt, sind die Outliner noch komfortabler geworden. Es gibt erweitere Tastaturkürzel für die Sortierung der Outliner, Volltextsuche in einem Outliner und komfortable Möglichkeiten und die vorhandene Diigobibliothek nach Artikel abzusuchen, die zu Outlinern hinzugefügt werden sollen.

Was die Outliner nicht leisten ist gleichzeitig mit verschiedenen Menschen an ihnen zu arbeiten. Kollaboration ist, wie gesgat, zur Zeit keine Funktion, an der Diigo arbeitet.

Diigo App

In der Zwischenzeit sind eine ganze Reihe an Diigo Apps erschienen aber alle bisherigen sind nicht zu gebrauchen. Deshalb hier noch einmal die Links zu den Apps der beiden größten App Stores: iOS und Android.

Im Folgenden kann ich natürlich nur über die iOS App sprechen. Die Funktionen sind im Vergleich zur Webseite extrem abgespeckt, was der Benutzung aber keinen Abbruch tut. Es ist eh so, dass sich die mobile Nutzung von der auf der Webseite, zumindest in meinem Fall, deutlich unterscheidet: Während ich im Web eher sortiere, arrangiere oder suche, nutze ich die mobile Version vor allem zum Lesen und Annotieren.

Noch vor einigen Wochen unterschied Diigo zwischen gelesen und ungelesen. Daraus ist jetzt ein Star und Unstar geworden. Hier sieht man vielleicht, es ist nicht alles Gold was glänzt. Ein Usability-Fehltritt, der in der Summe aber nicht ins Gewicht fällt.

Mit der App wurde aber auch eine Weiterleite- Funktion ins Betriebssystem integriert. Deshalb ist es nicht mehr notwendig, dass Browser oder Feedreader zwangsläufig nach Diigo weiterleiten können. Das lässt sich jetzt, neuerdings, dank der App, über das iOS Weiterleitungmenü lösen.

Die App selber bringt eine Readlater-Funktion mit, in der die Webseite auf den reinen Text reduziert wird. So lassen sich noch zu lesende Artikel in Diigo sammeln. Immer wenn es die Zeit erlaubt, kann ich dann einen Artikel aus der Leseliste auswählen und beim Lesen direkt annotieren. Ehrlich gesagt lese ich seitdem wieder vielmehr Blogs. Ich kann mir sicher sein, dass es nicht nur dem Zeitvertreib dient, sondern innerhalb der Diigo Bibliothek in meinen unterschiedlichen Zusammenhängen Anwendung finden wird, weil ich mich auf einen Vortrag, einen Podcast oder ein Seminar vorbereite.

Die Suche

Gesucht werden kann im Titel, in den Schlagwörtern, den Annotationen oder in der URL. In der Preview auf die neue Version kann man auch schon eine Volltextsuche durchführen. Vor allem die Volltextsuche kommt mir sehr entgegen. Wer auf der Suche nach Artikeln zu einem bestimmten Thema ist, möchte nicht nur das offensichtliche finden, sondern auch die versteckten und vergrabenen Artikel, die sich nicht über den Titel matchen lassen. Es schließt mir so auch die Artikel wieder auf, die ich damals aus Faulheit zwar bei Diigo integriert hatte, die ich aber weder verschlagwortet, noch annotiert hatte. Es wird alles gefunden, was die persönliche Datenbank hergibt. Und das funktioniert, soweit ich das bisher beurteilen kann sehr gut.

Fazit

Diigo hat sich zu einem beeindruckenden Werkzeug gemausert. Dank der App, fällt die Nutzung von Instapaper als Readlater App damit weg. Ebenso das Erstellen eines Seminarverzeichnisses. Alles was verlinkbar ist, wird bei Diigo abgelegt, Verschlagwortet, annotiert und zum Schluss einem Outliner zugeordnet.

PDFs werden nach wie vor bei Evernote gespeichert und annotiert. Eine zufriednestellende Lösung für eine Zusammenführung der beiden Dienste habe ich noch nicht gefunden. Als Brückentechnologie nutze ich die Evernotelinks, um sie in meine Diigo Outliner zu integrieren.

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Worum gehts hier?

@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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