Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Educaching 2.0: Eine neue Art der Geschichtserzählung

Ausgehend von der Mauerbau-App der BpB habe ich auf der Basis der Recherchen von Chronik der Mauer den Tod von Reinhold Huhn, einem ostdeutschen Volkspolizisten als ortsbasierten History-Krimi in einer App umgesetzt um eine neue Art der Geschichtsvermittlung auszuprobieren.

Die Geschichte

Am 18.6.1962 kam bei der Flucht der Familie Müller an der Berliner Mauer der ostdeutsche Volkspolizist Reinhold Huhn zu Tode. Zwei sehr unterschiedliche Versionen sind das Ergebnis der Ermittlungen in Ost und West.

Die Westversion: Als Huhn den Fluchthelfer Müller nach seinen Papieren fragt schlägt dieser den Volkspolizisten nieder und kann mit seiner Familien fliehen. Ein weiterer Volkspolizist eröffnet das Feuer und versucht Rudolf Müller zu erschießen und trifft unglücklicherweise den eigenen Mann. Der Westen spricht von den schießwütigen Vopos.

Die Ostversion: Rudolf Müller hat bei einer Personenkontrolle die Nerven verloren und den Volkspolizisten aus nächster Nähe getötet, anschließend ist er durch den selbst gebauten Tunnel mit seiner Familie geflohen.

Neben der Tatsache, dass die Waffe nie gefunden wird, zeigt die Geschichte, das die Wahrheit im (kalten) Krieg zuerst stirbt. Es wird auch der Stereotyp des guten West und bösen Osten durchbrochen, weil sich später die Variante des Ostens als die Richtige erweist.

1999 wird der Fall vor dem Berliner Landgericht verhandelt. Dabei wird Rudolf Müller, der westdeutsche Fluchthelfer wegen Todschlags verurteilt. Sowohl Müller als auch die Nachkommen von Huhn gehen in Revision vor dem Bundesverfassungsgericht (BVG). Der Fall hatte in dieser Zeit, 10 Jahre nach dem Fall der Mauer, in Deutschland viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und auch das BVG entschied zu Ungunsten von Rudolf Müller. Das Urteil vom 06.07.2000 lautete sogar Mord mit Heimtücke, das bestätigt auch noch einmal das Verfahren über  die Verfassungsbeschwerde vom 30.11.2000. Das BVG erklärt in einer Pressemitteilung vom 12.1.2001 allgemeinverständlich sein Urteil damit, dass das Leben eines Menschen einen höheren Wert hat, als seine Freiheit.

Am Ende des Spiels, in dessen Verlauf der Spielende die Rolle eines Journalisten einnimmt, steht die Aufforderung einen Zeitungsartikel zu schreiben, der dann auf der Webseite http://tod-an-der-mauer.de veröffentlicht wird.

Einen sehr guten Einblick in die Geschichte gebe ich auch im Podcast bzt003 mit @schb

Die Technik

Screenshot vom Tripventure EditorTripventure stellt ein browserbasiertes Autorentool bereit, mit dem eine Geschichte erzählt werden kann. Jedes Ereignis wird auf einer Karte referenziert. Dazu wird dem Spiel ein bestimmter Kartenausschnitt zugeordnet, der in der Regel zu Fuß ablaufbar ist. Die Karten kommen von Open Streetmap, weil sie vor Spielbeginn auf das Handy heruntergeladen werden müssen. Das Spiel kann also auch ohne Internetverbindung nur mit aktivem GPS-Modul gespielt werden. Jede Szene bezieht sich nicht nur auf einen Punkt sondern auf einen Radius, in dem die Spielszene ausgelöst wird. Neben Videos, Bildern und html-Szenen stellt der Editor einen Augmented Reality Modus bereit. Mit dem zum Beispiel historische Figuren zum Leben erweckt werden können. Der Spieler kann mit den Protagonisten in Dialogen interagieren. In einem Inventory sammeln die Spieler Gegenstände, die miteinander kombiniert neue Spielszenen freischalten. Tripventure gibt es sowohl für iOS als auch für Android. Tod an der Mauer ist also auf allen entsprechenden Endgeräten spielbar. IPads benötigen ein UMTS Modul, weil sie von Apple nur dann auch mit einem GPS-Modul ausgestattet sind und das Spiel erfordert zwingend eine GPS Funktionalität. Das Spiel steht in einer Einzelspielervariante (iTunesgoogle play) und in einer Seminarvariante (iTunesgoogle play) zur Verfügung. Die Einzelspieler-Variante steht in-App zur Verfügung. Das heißt man muss erst die Tripventure-App herunterladen und kann dort dann die entsprechende Geschichte “Tod an der Mauer” auswählen.

Das pädagogische Konzept

Geschichten zu erzählen sind eine gängige Methode, um vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen. Sogenannte Fallbeispiele sollen uns helfen einen größeren Zusammenhang verstehen zu können. Genau das versucht der Ansatz des transmedialen Storytellings. Medien betten sich natürlich in den Erkenntnisprozess ein und ermöglichen einen Blick in die Vergangenheit, bei dem gleichzeitig der Ort selber von hoher Bedeutung ist.

Der Weg vom Springergebäude zur Zimmerstr. 56 macht deutlich, welche Leistung es sein muss, einen Tunnel in wenigen Wochen ohne technische Hilfsmittel zu graben, durch den eine Flucht möglich ist. Nichts erinnert heute noch an die Mauer, die vor 31 Jahren dort noch stand und dennoch kann die App ein Zeugnis längst vergessener Geschichtsschreibung an diesem Ort sein.

Der oberflächlich touristische Blick, den Checkpoint Charly und seine Umgebung auf ein geteiltes Deutschland wirft, wird durch die App auf ein konkretes Schicksal fokussiert. Die App gibt aber auch die Möglichkeit einen Transfer von der Geschichte 1962 in die Gegenwart zu leisten.

Das Hintergrundmaterial und entsprechende Fragestellungen für die Seminararbeit habe ich auf der Seite http://tod-an-der-mauer.de zusammengetragen. Dort werden auch die Kommentare aus der Einzelspieler-Variante aggregiert. Ähnlich wie beim Geocaching, dass ich immer noch als Urvater der Educaching-Idee bezeichnen würde, kann geloggt werden. Und ich hoffe, dass sich eine Vielzahl von Logs in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren dort verewigen.

2 Kommentare

  1. Michael Michael
    18. März 2013    

    Hi, tolles Projekt. Ich glaube mein erster Kommentar ist versackt, deshalb hier noch mal die Frage: Was ist der Vorteil der Seminarvariante (die ja teurer ist als die Einzellizenz)? Gruß Michael

  2. gibro gibro
    29. März 2013    

    Es gibt keinen Vorteil. Es ist eher für die Arbeit in Seminar ausgerichtet. Und lässt mehr Raum für die Nacharbeit.

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@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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