Konstruktivistische Lerntheorie und KI
Der Konstruktivismus bindet den Erkenntnisprozess an eine Erfahrung, die entweder in den Konstrukten abgelegt ist oder aber dort eingebaut bzw. passend gemacht werden muss. Erkenntnis erfordert im Konstruktivismus Perturbation und Äqulibrium. Beide Mechanismen sind Seiten ein und derselben Medaille. Das Äuquilibrium, also das Streben nach Gleichgewicht bzw. Passung treibt den Erkenntnisprozess an. Die Perturbation, also die Störung auch. Nur dann, wenn es Störungen gibt, gibt es auch das Bedürfnis nach Passung und damit nach Umorganisation der Konstrukte. Denn das Einzelne muss ins große Ganze passen, den Weg dahin nennen wir Lernen. Für diesen Erkenntnisprozess ist die KI-Antwortmaschine hinderlich.
Im Zeitalter von KI muss man nichts mehr Wissen
An der Aussage ist nur dann etwas dran, wenn Wissen nicht mehr oder noch nie in größere Konstrukte eingebaut war, sondern alles isoliert nebeneinander steht. Eine ähnliche Fehlannahme hatten wir mit der Volltextdurchsuchbarkeit mit Hilfe von Google/Suchmaschinen. Nur weil wir auf alles eine Antwort haben, haben wir es noch lange nicht verstanden. Erst durch die Einbettung in ein Referenzsystem, nennen wir es unsere Konstrukte, gespeist aus Erfahrung, Sozialisation und Fehlannahmen hat es uns ermöglicht, auf die Warum-Frage eine Antwort geben zu können. Wissen fragt nicht nach dem Warum, das tut nur der Verstehens-/Erkenntnisprozess.
KI hilft bei der Wissensabfrage und wird in jeder Wer-wird-Millionär-Show auch die 1 Millionen-Euro-Frage mit einer hohen Wahrscheinlichkeit richtig beantworten können. Aber wir Menschen geben uns häufig nicht mit dem Wissen zufrieden, sondern wir wollen wissen, warum es so ist, es ist wichtig für unsere Konstrukte, es sei denn wir haben keine Konstrukte zu einem Wissensgebiet, dann spielt die Warum-Frage keine Rolle, weil keine Perturbation vorliegt und kein Gleichgewicht wiederhergestellt werden muß.
Kritisches Denken ist die Frage nach dem Warum
Wie sehr der Mensch auf der Suche nach dem Warum ist, hängt also von dem Grad der Perturbation ab. Solange alles logisch passend also plausibel erscheint, drängt sich die Warum-Frage nicht auf, das liegt in der Natur der konstruktivistischen Erkenntnistheorie. Kritisches Denken, und damit auch Lernen, setzt erst dann ein, wenn es eine Perturbation gibt. Nur weil ich also die KI kontra-inuitiv nutze, mir also Fragen statt Antworten ausgeben lasse, wird kritisches Denken nicht trainiert. Es braucht zum anschalten des Kritischen Denkens vor allen Dingen Perturbation.
In Wissensgebieten, die mir absolut fremd sind, muss ich glauben, was dort zu lesen ist. Erst, wenn sich Aussagen zu widersprechen, werden wir Warum-Fragen stellen.
Der immer häufiger in KI-Tutoren eingesetzte sokratische Dialog ist nur eine Möglichkeit Perturbation zu erzeugen. Er ist am Ende ein wenig auch das, was als Ostereier-Pädagogik verhöhnt ist. Man fragt also nach etwas, dass eine ganz spezifische Antwort erfordert und man fragt solange, bis die richtige Antwort (Osterei) gefunden ist, ohne das der Lehrende die Lösung verrät.
Aber was erzeugt Perturbation und wie kann die KI sie erzeugen? Das werde ich in einem weitere noch zu schreibenden Artikel überlegen.
