Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

LARPs in der politischen Bildung

CC by-nc 2.0 by Sam Byford (flickr)

Seit dem letzten Barcamp politische Bildung lässt mich die Idee nicht mehr los, dass LARPs, also Life Action Role Playing für die politische Bildung eine Reihe an Möglichkeiten bereit hält. In einer Session auf dem Barcamp habe ich an dem Mini-LARP “die Quote” teilgenommen, in dem es um die Flüchtlingspolitik in Deutschland ging. Es wurde folgende Situation beschrieben:

“Ihr seit eine Gruppe von Bürgern, die 5 aus 12 Flüchtlinge auswählen soll, die in Deutschland bleiben dürfen. Ihr habt für die Entscheidung 20 Minuten Zeit”.

Die Gruppe hatte 12 Lebensläufe zur Verfügung gestellt bekommen. Die grundlegenden Argumente waren schnell ausgetauscht: Während sich die einen grundsätzlich nicht an einem solchen Verfahren beteiligen wollten und keinen der Flüchtlinge auswählen wollte, schlugen die Anderen als Alternative statt einer bewußten Auswahl das Losverfahren vor, eine dritte Gruppe wollte Eigenschaften festlegen, die aus den Biografien hervorgingen, wie zum Beispiel Kinder, Mütter mit Kindern, die zu “retten” seien. Der Spielleiter machte deutlich, dass wenn nach 20 Minuten keine Flüchtlinge ausgewählt würden, alle 12 zurück geschickt werden. Es waren am Ende Mehrheitsverhältnisse, die zu einer Entscheidung zugunsten des Losverfahrens geführt haben.

Warum sind LARPs für die politische Bildung so interessant?
Im Spiel können die Teilnehmenden zu einer Entscheidung gezwungen werden. Entscheidungen wiederum sind der Kern der politischen Bildung. Mit der Entscheidung ist die Verantwortung verbunden. Nur wer entscheidet, muss sich mit den Argumenten der Anderen auseinander setzen. Vielfach reden sich in meinen Seminaren die Teilnehmenden aus Diskussion raus, in dem sie proklamieren, dass “müsse am Ende ja eh jeder selber wissen”. Genau das geht im LARP nicht. Es ist meine Entscheidung, mich einer Entscheidung zu wiedersetzen, aber ich erlebe mich dann im Verlaufe des Spiels auch immer als Spielball.

Die spielerische Umgebung ermöglicht den Teilnehmenden aber auch die Distanzierung von der Rolle, die man im Spiel eingenommen hat. Eine Revidierung ist möglich, ohne das Gesicht zu verlieren. Das Spiel erlaubt aber auch danach die Einnahme einer Metaperpektive, in der die Regeln, das Verfahren und die Entscheidungsfindung mit dem nötigen Abstand reflektiert werden können.

Und weil mir LARPs als Methode der politischen Bildung so einleuchteten, habe ich vor zwei Wochen bei einem Seminar ein kleines Mini-LARP mit dem Seminarteam konzipiert:

Die Situaltion:

Ein neues Anschlagsvideo der IS ist im Internet aufgetaucht. Das und geheimdienstliche Hinweise verweisen darauf, dass ein Anschlag auf westliche Sportzentren geplant ist. Ihr seid ein in der Bundesliga spielender Fussballverein. In einer bevorstehenden Vereinssitzung ist zu entscheiden, ob das Spiel nächstes Wochenende abgesagt wird oder nicht.

Während der Vereinssitzung werden eine Reihe an Pressemittleiungen im Abstand von 5-10 Minuten an die spielende Gruppe ausgehändigt:

  • Der DFB macht den Vorschlag die Übertragung der Spiele in den leeren Stadien aufrecht zu erhalten.
  • Betreiber der Stadien drohen mit einer Klage weil Verträge nicht erfüllt werden und schlagen vor, mit geeigneten Sicherheitsmassnahmen für einen reibungslosen Ablauf der Bundesligaspiele zu sorgen
  • Gewerkschaft der Polizei gibt zu Bedenken, das die Gefahr von Massenpaniken bei Fehlalarmen nicht kontrollierbar wäre
  • Innenminister: Die Gefahrenlage ist ernst. Die Gefährdung ist ernstzunehmen. Stadien zu lassen
  • Pegida: “Dem Islam gehört nicht die Bundesliga”, Vorbestrafte und Menschen islamischen Glaubens sind intensiven Kontrollen zu unterziehen.

In der Reflektion benannten die Teilnehmenden, dass sie selbst solche Entscheidungen ungern treffen würden, dass die konstruierte Situation aber geholfen hat, selbst Erfahrung mit einer Entscheidung zu machen und sie ihren Entstehungsprozess nun besser verstehen würden.

Welche Rolle Verantwortung und ihre fehlende Übernahme in unserer Gesellschaft spielt, kann man sehr gut im Bereich Sicherheit bzw. Überwachung sehen. Niemand will am Ende die Verantwortung übernehmen und deshalb werden häufig vollkommen unverhältnismäßige Massnahmen getroffen um sich am Ende nicht vorwerfen zu lassen, dass man nichts getan hätte. Erst vor kurzem hatten die Schulministerien vor den gefährlichen Strahlen der Sonnenfinsternis gewarnt. Den wohl treffensten Kommentar dazu hat Ranga Yogeshwar auf Facebook veröffentlicht, damit alle etwas davon haben, zitiere ich mal den entscheidenden letzten Teil:

Vielleicht hat sich inzwischen bei uns ein Denken etabliert das ich erstmals vor einigen Jahrzehnten in den USA beobachtete. Damals schüttelte ich den Kopf als ich zum ersten Mal ein Schild sah mit der Aufschrift „Vorsicht – nasser Boden!!“ . Damals fragte ich meinen Bekannten warum man solche Warnschilder überhaupt aufstelle, denn ich würde doch sehen dass der Boden nass sei. Seine Antwort war kurz: „Versicherungen und Schadenersatz!“ Wenn jemand hinfällt, dann kann man den Betreiber auf eine hohe Geldsumme verklagen. In den USA ist daraus inzwischen ein Sport geworden: Wir erinnern uns an den Fall von Stella Liebeck: Sie verklagte die Fastfood Kette MacDonalds auf 640 000 US Dollar nachdem sie heißen Kaffee verschüttet hatte. Aus dieser Haltung erwächst zunehmend eine Verantwortungslosigkeit: Niemand will Verantwortung übernehmen aus Angst vor möglichen Klagen und so versteckt sich jeder hinter der vermeintlich sicheren Variante:
Unsere Sicherheitsparanoia an Flughäfen oder die absurden und undemokratischen Vorkehrungen bei der Terrorismusbekämpfung haben genau mit diesem Mangel an Verantwortung zu tun, denn wenn etwas passiert, ist der Mutige der Schuldige. Diese Haltung erzeugt auf Dauer eine kollektive Feigheit. Niemand traut sich und so sperren wir heute unsere Kinder in Klassenzimmern und sorgen uns.
Unser selbstständiges Denken weicht dem Mainstream der Angstmache und unser Blick für Relevanz und Schönheit wird getrübt. Wir blicken auf unsere Welt aber nur noch
mit Schutzbrille….

Die Mini-LARPs im Seminar können einen Beitrag leisten, sich mit den Entscheidungsprozessen der Entscheidungsträger auseinanderzusetzen. Im besten Fall gelingt es uns aus dieser Sicht, die Entscheidung nachvollziehen zu können, aber auch zu verstehen, das sie nie alternativlos ist.

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1 Kommentar

  1. 26. März 2015    

    Hey,

    in den kommenden Monaten wird das Thema Mini-LARP bzw. Dramagames eine große Rolle im Europahaus spielen. In zwei Wochen findet hier ein europäischer Workshop dazu statt, den wir zusammen mit den Waldrittern konzipiert haben und im Juni wird ein großes internationales Seminar mit demselben Schwerpunkt stattfinden. Jugendliche spielen, debriefen, evaluieren und schreiben am Ende selbst LARPs mit eigenen politischen, sozialen und kulturellen Schwerpunkten. Der Exkursionstag wird in eine Burg mitten imWald gehen. Da werden wir dann ein klassisches Nordic-LARP spielen. Elfen, Orks, Einhörner etc. in einer anderen Welt. Wald haben wir hier ja zum Glück genug. Aus Portugal wird Joe Claeys dazukommen. Einer der besten Trainer, im Bereich des non-formalen Lernens, die ich kenne. Er bringt eine Simulation mit, die Plan “B” heißt und eine der krassesten Bildungserfahrungen war, die ich jemals persönlich mitgemacht habe. Falls es interessiert – hier geht es zum Programm zu der internationalen Veranstaltung: http://issuu.com/thinkeurope/docs/programm.impulse.2015_v2

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