Kritisches Denken und KI
Ich erinnere mich an die Corona-Pandemie und an die eigentümliche Erfahrung, dass sich vor allem die für besonders kritisch Haltende als anfällig für Verschwörungsnarrative erwiesen. Kritisch waren sie oft nur im Modus des Misstrauens – nicht im Modus wissenschaftlicher Prüfung.
Schon in dieser Zeit waren Fakten und so genannte Wahrheiten keine zwingende Voraussetzung um sich kritisch mit Ihnen auseinander zu setzen, sondern ganz im Gegenteil. Je plausibler die Antworten, desto eher haben die Menschen den angeblichen Fakten geglaubt. Eine KI war seinerzeit gar nicht im Spiel, sondern die Leichtgläubigkeit des Menschen an sich. Das mit kritischen Denken zu verwechseln ist ein Problem.
Technischer Fortschritt erscheint fast immer als Effizienzversprechen: Maschinen sollen Arbeit einfacher machen. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt jedoch, dass Digitalisierung Tätigkeiten oft nicht nur erleichtert, sondern zugleich verkompliziert hat. Das Versprechen der Vereinfachung ist deshalb häufig weniger Beschreibung als Narrativ.
Meine Beobachtung der letzten Wochen – auch im Seminarraum – ist, dass vor allem Menschen mit geringerer Lese- und Schreibkompetenz mit LLMs plötzlich Texte produzieren können, die ihnen ohne diese Werkzeuge schwerfallen würden. Das ist zunächst einmal ein Gewinn. Ob daraus aber tatsächlich Schreibkompetenz entsteht, ist eine andere Frage.
Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir KI nur unter dem Versprechen der Effizienz betrachten. Lernwirksam wird sie vermutlich erst dort, wo sie Reibung erzeugt: in Nachfragen, in Gegenargumenten, in Revision. Nicht jede Erleichterung ist dann schon ein Fortschritt.
Mir gefällt der kontraintuitive Ansatz von Nele Hirsch deshalb sehr gut. Ich habe dazu eine Pomptibliothek für meine Seminare entwickelt, bei der im Chatprompt die Aufforderung der KI zu fragen explizit enthalten ist. Die Rückmeldung der Teilnehmenden meines Seminars war dementsprechend verheerend. Eine Maschine, die vorgibt, effizient zu sein und die Teilnehmenden dann in Gespräche, Nachfragen und kritisches Denken verstrickt, scheint für sie nicht zusammenpassen. Der Seminarraum als Ort pädagogischer Beziehung kann dabei helfen, an diesem Glauben zu rütteln, so dass kritisches Denken, gefördert wird.
Kritisches Denken ist nicht Misstrauen. Es ist eine Haltung der Prüfung und sie braucht Verfahren, Begriffe und Maßstäbe, damit sie nicht im bloßen Verdacht endet.
