Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Eine Analyse der KIM Studie – Multimedien statt Multitasking

Vor einigen Wochen ist die KIM Studie 2012 (mit eigenen Kommentaren) erschienen. Endlich bin ich mal dazu gekommen, die aktuellen Zahlen zur kindlichen (6-13 Jahre) Mediennutzung genauer anzuschauen. In einer erweiterten Studie, der sogenannten Mini-KIM wurde auch die Mediennutzung der 2-6 jährigen studiert.

Allgemeines

Insgesamt ist die Mediennutzung der Kinder in diesem Alter geprägt von den Eltern, die eine äußerst starke Vorbildfunktion für ihre Schützlinge haben.

Bei Kindern, deren Haupterzieher am wenigsten auf das Fernsehen verzichten könnten, ist die Bindung ans Fernsehen mit 65 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich ausgeprägt. Halten Haupterzieher Bücher für am wenigsten verzichtbar, so entscheiden sich auch 29 Prozent der Kinder für Bu?cher, für das Fernsehen würden sich dann nur noch 40 Prozent der Kinder entscheiden. (Seite 16)

Darüber hinaus spielt die Lesekompetenz bei der autonomen Nutzung digitaler Medien eine nicht unwichtige Rolle. Das macht die Alterskohorte 6-13 auch für eine Studie besonders problematisch, weil die Nutzung sich grundlegend von denen eines 12 jährigen Kindes unterscheidet. Während der Fernseher für die 6 jährigen von zentraler Bedeutung ist (sie können in diesem Alter ja meist noch nicht gut lesen), stellt die Studie insgesamt fest, dass die Bindungskraft zum Fernsehen von 70 % in 2006 auf 57% in 2012 reduziert hat. Im gleichen Zeitraum hat sich “die Bindung an Computer und Internet verdoppelt.” (Seite 16) Das trifft aber bei weitem nicht im gleichen Maße für die 6 wie für die 13 jährigen zu. Trotz häufiger Differenzierung, sollte der Schnitt in der Studie nach dem Erwerb der Lesekompetenz gemacht werden, also 7 oder 8 bis 13 Jahre.

Lesen

Trotz des wachsenden Medienangebots und der stärkeren Verbreitung des Internets bei Kindern hat das Lesen von Büchern (jenseits von Schulbüchern) noch immer einen fundierten Stellenwert im Kinderalltag. (Seite 26)

Trotz Internet lesen Kinder noch Bücher. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Vielleicht lesen die Kinder auch wegen des Internets, weil Lesen die Schlüsselkompetenz zur Erschließung des digitalen Mediums geworden ist. Und vielleicht fällt es ihnen deswegen auch leichter Bücher zu lesen.

Der Vergleich mit der KIM-Studie 2010 zeigt beim intensiven Lesen (jeden/fast jeden Tag) einen Zuwachs um acht Prozentpunkte bei den Mädchen, bei den Jungen hingegen einen Rückgang um zwei Prozentpunkte. Auch zählen jüngere Kinder häufiger zu den Intensivlesern als noch 2010 (6-7 Jahre: +7 PP, 8-9 Jahre: +4 PP). (Seite26)

In Hinblick auf die zunehmende Sucht-Tendenz von Kindern und Jugendlichen sollte dieser Befund nicht unkommentiert bleiben. Am Ende spielen die Kinder weniger draussen, weil sie den halben Tag lesen. Und es werden irgenwann Hirnforscher Bücher über Demenz schreiben und das intensive Lesen dafür verantwortlich machen.

Computer

Im Vergleich zur KIM-Studie 2010 sind die Angaben zum Gebrauch der verschiedenen Anwendungen relativ stabil. Merklich hat sich nur der regelmäßige Umgang mit Lernprogrammen reduziert (-7 PP), auch wird etwas seltener alleine gespielt (-5 PP). (Seite 29/30)

Dafür hat sich “im Vergleich zum Jahr 2010 hat sich die Nutzung des Internets für die Schule um acht Prozentpunkte erhöht” (Seite 30/31). Der Zusammenhang wird durch die Studie nicht hergestellt, aber man könnte es auch als eine Substitution der Lernprogramme durch das internetbasierte Tools verstehen, was ja nicht so ganz falsch wäre, zumal die meisten Lernprogramme eine behavioristische Lernstrategie zu grunde legen.

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Die Inputoerientierung in der Schule findet auch mit dem Computer kein Ende. Sie wird erneut reproduziert und damit werden die Möglichkeiten der Universalmaschine abgeschnitten. Da spielt auch der Einfluss der Eltern zu Hause nur eine untergeordnete Rolle. Produktionsorientierung ist gar nicht zu finden, wenn man mal von dem Erstellen der Präsentationen absieht. Warum müssen Kinder eigentlich so häufig Präsentationen machen, sie sollten sich lieber überlegen wie sie einen Inhalt aufbereiten können, so das man ihn auch verstehen kann. Da sind Präsentationen ja häufig sehr ungeeignet. Selbst wenn es darum geht, zusammenhängend vor Menschen sprechen zu können, so ist doch das Setting an Vermittlungsformen deutlich vielseitiger als zu präsentieren, das sollten Lehrer wissen.

Internet

Die Unterscheidung zwischen Computer und Internet macht in diesem Alter durchaus noch Sinn, auch wenn ich sie grundsätzlich ablehne, weil Computer heute nur noch äußerst selten als Standalone Maschinen benutzt werden.

Bei der Frage, in welchem Alter sich die Kinder erstmals in einer Community angemeldet haben, ergibt sich ein Durchschnittsalter von 10,4 Jahren. Ein Prozent der Community- Nutzer hat bereits im Alter von sechs Jahren einen eigenen Community-Account erstellt. Zwölf Prozent meldeten sich erstmals mit sieben oder acht Jahren an und 37 Prozent mit neun bis zehn Jahren. (Seite 41)

Mit der weiterführenden Schule scheint auch der Eintritt in eine Community alternativlos. Dennoch liegt das immer noch unter den Altersbestimmungen von Facebook, die eigntlich erst die über 13 jährigen auf ihre Plattform lassen wollen. Hier wird also das Geburtsdatum gepimpt und sicherlich in vielen Fällen mit Zustimmung der Eltern.

Mit 78 Prozent hat der Großteil der Kinder jedoch den Zugang zu den eigenen Daten auf „Freunde“ eingeschränkt (Seite 43)

Es ist immer noch erstaunlich, wie häufig das Wort Freunde in Anführungsstriche gesetzt wird um deutlich zu machen, dass das in Wirklichkeit keine sind.

Computerspiele

Spiele sind für viele Kinder ein nicht zu vernachlässigender Teil ihrer Lebenswelt. Angesichts der verschiedenen Inhalte und Spielformen ist eine differenzierte Betrachtung unabdingbar. (Seite 46)

Deshalb mag ich die JIM und KIM Studie so.

Überraschenderweise finden sich unter den Nennungen auch einige Spiele, die aus erwachsener Perspektive wohl eher als harmlos empfunden werden (z.B. „Harry Potter“, „Die Sims“). Dies zeigt, dass die Verarbeitung von medialen Eindru?cken oftmals sehr individuell verla?uft und die Auswahl von Medieninhalten immer dem perso?nlichen Entwicklungsstand des Kindes angepasst werden muss. (Seite 52)

Dieser Befund stützt die These “gemeinsam statt einsam“. Es geht ja nicht darum, nur begleitet am Computer zu spielen, sondern eine Kultur zu schaffen, in der es normal ist, dass der Computer Teil des sozialen Miteinanders ist, so wie der Fernseher, das Radio oder die Zeitung.

Handy

Trotz der vielen technischen Optionen treffen zwei Drittel der Kinder (10-13 Jahre) ihre Freunde jeden oder fast jeden Tag persönlich, weitere 30 Prozent ein- oder mehrmals pro Woche. (Seite 57)

Auch hier kann man der Formulierung “trotz” nur ein “weil” entgegen halten. Ein Großteil dieser “technischen Optionen” helfen sich zu treffen, vor allem spontan.

Technische Medienkompetenz

tedchnische Medienkompetenz bei KindernDie Produktion von Medien scheint ihre Krönung beim Ausdrucken zu finden, ansonsten sind die abgefragten technischen Kompetenzen eher von kopieren und abspielen geprägt zu sein. Man fragt sich angesichts solcher Ergebnisse immer, ob machende Kompetenzen nicht abgefragt wurden, oder ob es wirklich so wenig Kompetenzen im Umgang mit dem digitalen Medium gibt. Es erhärtet in jedem Fall den Verdacht, dass die Mediennutzung der Kinder von denen der Eltern geprägt ist, die wiederum häufig noch mit dem Leitmedium Fernsehen sozialisiert sind und diese Medien-Sozialisierung auch mit in die Nutzung der digitalen Maschinen einbringen, obwohl hier ganz andere Nutzungen zu Grunde gelegt werden müssten.

Medien in der Familie

technische Medienkompetenz bei Kindern Die Studie weißt darauf hin, dass die Zuschreibungen zum Internet von immer mehr Erzieher_innen ambivalent wahrgenommen werden. Diese Ambivalenz ist mit Sicherheit auch darauf zurückzuführen, dass die Untersuchung immer von DEM Internet redet. In Wirklichkeit steckt dahinter aber ein gesellschaftliches Problem, das Internet undifferenziert wie das Fernsehen und das Radio zu erfassen, obwohl es all diese Medien vereinigt. Ich hatte mich dazu schon im Rahmen der JIM Studie geäußert. Das Internet benennt eine Infrastruktur, auch wenn sie in der öffentlichen Kommunikation manchmal gleichbedeutend mit World of Warcraft, Facebook, Whats App oder Youtube benutzt wird. Im Internet wird eingekauft, obwohl wir das eigentlich bei Ebay oder Amazon machen, im Internet wird gelernt, obwohl wir vielleicht die Wikipedia meinen, im Internet wird nur Unsinn geschrieben, obwohl wir eigentlich die Gespräche auf Facebook meinen. Da bleibt größtmögliche Ambivalenz nicht aus.

Tablet PCs

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So erhält die Aussage „Tablet-PCs sind nichts für Kinder“ hier die höchste Zustimmung und wird von der Hälfte der Haupterzieher geteilt. Die Eignung dieser Geräte für einen frühen Einstieg der Kinder in die Medienwelt wird ebenso ambivalent beurteilt wie deren Eignung als Lernmedium.  (Seite 65)

Ob sich der Tablet PC als Lernmedium für Kinder eignet lässt sich doch nicht vom Gerät ableiten, sondern von seiner Nutzung. Dabei ist die Produktion von Medien zwar nicht als per se gut einzustufen, aber diese Dimension wird ja noch nicht mal abgefragt. Kinder fotografieren vielleicht nicht mit dem iPad, dafür aber mit einem digitalen Fotoapparat und ermöglichen damit den Erwachsenen einen Blick in ihre Welt. Kinder spielen und wenn von lernen die Rede ist, versteht man landläufig darunter das Gegenteil. Auch diese Studie macht diesen Kurzschluss.

Mini-KIM

MedienbindungDie Zusatzstudie untersucht die Mediennutzung der 2-5 jährigen. Das Fernsehen und Bücher sind in diesem Alter das Leitmedium. Die digitalen Medien spielen aber so gut wie keine Rolle in diesem Alter. Da scheine ich wiederum in einer Blase zu leben oder die Dunkelziffer der Eltern, die ihren Kindern das Handy zum spielen geben ist größer, als von der studie erhoben.

Und ein delikates Schmakerl zum Schluss, als Belohnung für alle, die bis zum Schluss durchgehalten haben:

Sind sie in einer Community angemeldetIch finde ja, Kinder sollten selbst entscheiden, welche Bilder von ihnen im Internet zu finden sind. Da sie das in diesem Alter noch nicht können, gilt die Opt-in Regel. Sie können ja, sobald sie das selbst entscheiden können ihre Baby-Bilder hochladen.

1 Kommentar

  1. Peter Meffert Peter Meffert
    9. Juli 2013    

    Der letzte Satz gefällt mir am besten. Beim Selber-Machen lernt man am meisten, weil alles Aufbereitete die Dinge nur verschleiert. Wenn jemand wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, so muss er sich auf diesen Weg machen.

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Worum gehts hier?

@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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