Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Komm wir gehen ins Internet

Faxmodem
Faxmodem

CC by-nc-sa 2.0 by jmb1977

Für viele von uns ist diese Formulierung nicht so richtig zu verstehen, sie kommt aus einer Zeit, in der wir unser Modem eingeschaltet und eine DFÜ Verbindung aufgenommen haben. Nach dem Besuch des Internets wurde die Verbindung wieder geschlossen, weil minutengenau abgerechnet wurde. Es ging nicht um den grundsätzlichen Zugang zum Internet, sondern darum, dass Internetzeit ein ökonomisiertes Gut war.

Ebenso ging es uns mit dem Computer. Der wurde eingeschaltet, wenn ein Brief geschrieben werden musste. Nach getaner Arbeit wurde der Computer wieder ausgeschaltet. Es gab keinen Hibernate Modus, in dem der Computer verweilte, solange er nicht benutzt wurde, um sofort wieder verfügbar zu sein, als hätte man sich gerade einen Kaffee geholt und müsse nun wieder den Computer aus dem Bildungschirmschoner Modus aufwecken. Es geht mir nicht um Zeit, sondern um die Revolution des Always on: Wir leben in einer Zeit, in der die Frage, wie lange man am Tag online ist, keinen Sinn ergibt. Weil sie nicht ins Internet gehen, sondern immer da sind.

Für das, was ich Internet nenne ist dieser kleine Unterschied von immenser Bedeutung. Allgegenwart lässt den so gewöhnten Nutzer merkwürdig entscheinen, weil er immer auf der Suche nach dem Netz ist und im Gegensatz zu den Handynutzenden eine Datenverbindung meint.

Während es für die einen pure Energieverschwendung ist, das Internet zu allen nur denkbaren Themen zu befragen, hat es sich für die Anderen unmerklich in ihren Alltag integriert. Natürlich reden wir nicht von zwei verschiedenen Dingen, sondern nur von unterschiedlichen Gewohnheiten. Also antrainiertem Verhalten. Während die Einen kein Gebäude mehr betreten ohne sich vorher eingecheckt zu haben, sprechen die Anderen von Sucht. Während die Einen gelernt haben mit der Navigation auf ihrem Smartphone die Welt zu erschließen suchen die Anderen Hilfe bei Passanten um die richtige U-Bahn-Richtung zu finden.

Während meine Tochter mich im Auto fragt, was die Fabrik produziert, an der wir gerade vorbeigefahren sind, halten die Anderen die Suche nach der Antwort für pure Zeitverschwendung, ich halte diese Fragen für den ersten Schritt, sich für seine eigene Umwelt zu interessieren. In dem sehenswerten Video Shift Happens (hier übrigens in der neuen Version 5 im “Original”) werden die gigantischen Suchanfragen bei Google kommentiert mit “Wem hat man die Fragen vor Google gestellt?”

Die Antwort ist: Niemandem. Unsere antrainierten Gewohnheiten waren Andere. Unser Blick auf die Welt war nicht bestimmt von Fragen und Antworten. Jetzt aber können wir es gar nicht mehr abwarten, bis unser Handy jede auch noch so triviale Frage des Lebens beantworten kann. Deshalb fragen wir Siri nach dem Wetter oder bemühen die Wikipedia, wenn wir vor dem Kölner Dom stehen.

Das heisst, es findet eine andere Wahrnehmung von Welt statt und dabei ist die Technik nach Mc Luhan die “Extensions of Man”. Sie sind ausgelagertes Gedächtnis (Notizen zum Beispiel bei Evernote), Flügel (Vogelperspektive beim GoogleMaps routing), Datenbank für das Allgemeinwissen, Schrittzähler, u.s.w. All dies unterscheidet die Internetbewohner von den Besuchern, den Ins-Internet-Gehern.

Diese allerdings sehr grundlegende andere Art von Weltaneignung sorgt zunehmend für Inkompatibilitäten, früher hat man das digital Divide genannt. Damit waren dann aber immer die Privilegierten gegenüber den Armen Schweinen gemeint. Der von mir beschriebene Unterschied, hat damit wenig zu tun. Es geht ja nicht um ein nicht können, sondern um ein nicht wollen. Ins-Internet-Geher halten ihre Erschließung von Welt für die einzig richtige, Peter Kruse hat auch erklärt warum.

Die Herausforderung die sich in der nächsten Zeit stellt ist die Reflektion dieser Problematik. Es geht nicht darum, von der Schönheit des Internet zu überzeugen. Es geht darum, Verständnis füreinander zu entwickeln. Die Frage: “Warum brauche ich Twitter?” ist vollkommen irrelevant, entscheidend ist zu verstehen, welche unterschiedlichen Formen der Bewertung und Gestaltung von Gesellschaft es gibt. In diesem Blogbeitrag sind davon ja auch nur zwei mögliche Blickwinkel benannt worden.

 

3 Kommentare

  1. 18. April 2012    

    Hi Guido,

    schöne Beobachtung über begriffliche Gewohnheiten, die sich in der Realität überlebt haben. Sowas wie “Licht andrehen”, “in die Röhre kucken”, “zurückspulen” oder das von meiner Oma geliebte “ins Internet kucken”, das Deinem “ins Internet gehen” doch sehr nahe kommt.

    Die Erweiterung der Informationen der Realen Welt über das Handy werden Normalität. Man muss sich ja geradezu dazu zwingen, ab und zu mal nicht zum Handy zu greifen, wenn irgend eine Frage im Raum steht. Und im nächsten Schritt: man sucht im Smartphone zu erst. Während ihr heute noch an den Schildern versucht herauszufinden, welche Fabrik das ist, kommt ev irgendwann der Punkt, in dem Du automatisch auf die Einblendung an der Navi-App schaust und darüber den Wikipedia-Artikel aufrufst. UND: Das Du den Informationen im Netz mehr glaubst als denen, die dort auf dem Schild stehen.

    Die Konsequenz hast Du schon beschrieben: Eine Reflektion dieses Wandels und dem damit verbundenen Umgang mit Informationen aus der nicht-digitalen Welt. Klar macht sie vieles einfacher: ich fahre sogar öfter mit den öffentlichen Verkersmitteln, weil mir Öffi sagt, wann ich wo umsteigen muss und das vorher nachschauen unnötig ist. Aber wenn der Akku alle ist…

  2. gibro gibro
    19. April 2012    

    Das mit dem Akku wird ein vorübergehendes Problem sein. Wir werden in ein paar Jahren sicherlich über die Ausstattung so mancher Konferenz lachen, auf der an jeder Ecke eine Steckdose zu finden war. Es gibt ja kaum jemanden, der bei aller Euphorie für das Internet der Hosentasche nicht die Akkuleistung kritisiert.

    Die erste Offenbarung war das iPad, dessen Akku selbst bei heftiger Nutzung mindestens 10 – 12 Stunden hält. Natürlich hängt das auch von der größe des Akkus ab, zumindest noch.

  3. SteffenAusHamburg SteffenAusHamburg
    19. April 2012    

    Hallo Guido,
    schöner Artikel. Und obwohl meine Mutter gerne Emails schreibt, stellt sie immer wieder solche hübschen Fragen wie “Steht das nicht auch in Deinem Handy drin?”, wenn ich irgendwas auf Wikipedia nachschauen soll. 🙂
    Liebe Grüße aus HH
    Steffen

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@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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