Bildung an der Schnittstelle Analog und Digital

Selbstvermessung

Vermessungspunkt

Vermessungspunkt

CC by-nc-nd 2.0 by evilnick (flickr)

Das neue Jahr hat begonnen und der Blick zurück soll gleichzeitig eine Analyse meiner Aktivitäten im Internet bringen. Wenn ich schon soviele Daten in die Welt puste, sollen sie zumindest auch zur Erkenntnis meiner selbst dienen. Nutzende hinterlassen überall im Internet ihre Daten. Auf Webseiten, bei Facebook, Twitter, Foursquare und vielen mehr.

Der Titel des Beitrags entstammt einem Beitrag beim elektrischen Reporter. Über die Kommentare des Youtube Videos bin ich auf einen Artikel beim Spiegel zu diesem Thema gestoßen:Digitalisierung des Ich. Die dort beschriebene Selbstvermessung hat jedoch nicht so viel mit dem zu tun, wie ich den Begriff ausgelegt habe. Ich habe nur die Devices, mit denen Daten erhoben werden erweitert. Es ist nicht das Blutdruckmessgerät oder die Fettanalysewaage, sondern die Logfiles, die im weitesten Sinne durch die Nutzung digitaler Dienste anfallen.

Google weiss mit Sicherheit mehr über uns, als wir selbst. Das sich die Konzerne selbst um unsere Privatsphäre bemühen sollten steht wohl kaum in ihren AGBs. Warum auch, sie verdienen mit unseren Daten Geld, aber anders, als sich Tante Inge das vorstellt. Es geht natürlich nicht um meinen Datensatz, sondern um Millionen von Datensätzen, die miteinander in Beziehung gestellt werden. Was ich im Rahmen meiner persönlichen Jahresabschluss-Vermessung versuche ist ja das genaue Gegenteil: es geht nur um meine Daten und nicht die der aggregierten Masse.

Natürlich bieten uns die Dienste selbst kaum Möglichkeiten unser Daten auszuwerten. Allen voran Facebook, aber auch Twitter und Google geben nicht gerade freiwillig die gewollten Daten heraus und wenn dann nur häppchenweise. Bei Facebook ist fast unmöglich an die eigenen Daten zu kommen, zumimdest so, dass man sie jenseits eines pdfs in einer verarbeitbaren Form bekommt.

Beim lesen des Artikels kann man sich fragen, ob ich mich nicht schon längst von meiner Privatsphäre verabschiedet hätte. Bei den Auswertungen ist mir aber klar geworden, dass ich bei den meisten hier veröffentlichten Informationen eher eine Distanz zu meiner Person feststelle. Es sind Zahlen, die mich und mein Leben in 2011 quantitativ vermessen. Was hier nicht zu finden ist, ist eine qualitative Analyse für 2011. Wenn Jeff Jarvis behauptet, ins Internet gehören keine privaten Daten, dann würde ich ihm wiedersprechen. Weil es durchaus bei unterschiedlichen Datensätzen zu Korrelationen führen kann, die viel über mein “Privatleben” aussagen, wie die preisgekrönte Auswertung der Verbidungsdaten von Malte Spitz gezeigt haben.

Dennoch, was heiß hier Privat? Für mich ist es ein mich umgebender Raum, der durch das Internet zwar löchrig wird, aber immer noch von mir selbst definiert wird. Wo ich wohne ist seit ewigen Zeiten dem Telefonbuch zu entnehmen, wie es bei mir in der Wohnung aussieht, geht nur wenige etwas an. Privat sind auch meine Krankheiten, meine Familie und meine sexuellen Vorlieben. Dazu wird man im Internet bisher nichts finden. Daran wird auch die Auswertung meines Google Webprotokoll (noch) nichts ändern.

Kommen wir im Einzelnen zu den Daten, die ich ausgewertet habe:

Google Latitude

Entfernungen pro Monat laut Latitude

CC by 3.0 by gibro

Bei Google Latitude gibt es zwar ein Dashboard, das greift aber nur auf die Daten der letzen 30 Tage zurück. Es hat mich einen ganzen Abend gekostet manuell kml-Dateien der letzten 12 Monaten abzuspeichern. Danach lassen sich aber sehr schöne Ergebnisse erzielen:

Insgesamt habe ich in 2011 65.720 km zurückgelegt. Im März (Barcelona) und im September (Bregenz) habe ich die meisten Kilometer zurückgelegt.

Laut Dashboard der letzten 30 Tage war ich ca. 53% meiner Lebenszeit zu Hause, 47% der Zeit habe ich mit Arbeiten im weitesten Sinne verbracht. Davon ca. ein Drittel in meiner Arbeitsstelle in Hattingen und die anderen zwei Drittel unterwegs, jenseits von Hattingen. Mein Arbeitsplatz ist mobil geworden, seitdem ich mit Handy, Tablet und Laptop ausgestattet bin, sind die Anforderungen an die Arbeitsumgebung drastisch gesunken. Solange es warm und trocken ist und eine Internetverbindung zur Verfügung steht, steht einem produktivem Output nicht entgegen.

Wenn man alle kml-Dateien zu einem Film zusammenkopiert, sieht das so aus:

Google Suche

Google Webprotokoll für 2011

CC by 3.0 by gibro

Dann habe ich mir meine Web History angeschaut, die Google über mich speichert. Ich habe sie bewusst eingestellt, weil ich mir mehr von der Auswertung meiner Surfverhaltens versprochen habe. Der Download einer maschinenlesbaren Datei bleibt aus. Ich bin auf die Auswertungscharts von Google angewiesen. Ich erfahre, dass meine Lieblingssuche educamp und meine eigene Adresse ist. Kein Wunder, bei jeder google Maps Routenabfrage habe ich die eingegeben, nicht um zu schauen, wie schön ich wohne. Am liebsten suche ich kurz vor dem Mittagessen, am Nachmittag, kurz vor “Feierabend” und abends zwischen 22 und 23 Uhr. Wenn ich Urlaub mache, suche ich recht wenig bei Google. Leider alles keine Informationen, die mich mehr über mich selbst erfahren lassen.

Twitter

Tweets pro Monat 2011

CC by 3.0 by gibro

Bei Twitter gibt es zumindest eine gute API, so dass bei Einrichtung des richtigen Dienstes, bei mir ist das backupmytweets.com, die Daten in den gewünschten Formaten ausgespuckt werden. 2011 habe ich 2706 Tweets geschrieben, 264.419 Zeichen, bzw. 38038 Worte. Das macht 97 Zeichen bzw. 14 Worte pro Tweet im Durchschnitt. In allen Tweets bringe ich es insgesamt auf 1893 Replies und 1013 Links.

Oben sind die Tweets pro Monat zu sehen. Besonders hohe Werte gab es im Februar, März, April und November. Der erhöhte Twitterbedarf läßt sich mit besonderen Veranstaltungen erklären: Im Februar die #kasnetzkultur11 , eine Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu Netzkultur, im März #kbom11 (Keine Bildung ohne Medien) bzw. die spontane Ergänzungsveranstaltung #kmob11, im April die #rp11, die Republica 2011 und im November die #kasdk11, eine Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu digitaler Kultur. Wer jetzt meint, daraus ablesen zu können, dass ich ein großer Sympatisant der CDU wäre hat sich geirrt. Das bin ich keineswegs, aber wer glaubt schon, dass Daten allein etwas über einen Menschen und seine Privatsphäre aussagen.

Ich habe die Tweets auch mit Manyeyes.com ausgewertet:


Google Mail

Mails 2011

CC by 3.0 by gibro

Insgesamt sind 18.493 Mails in meinem Postfach eingetroffen. 2748 waren von Twitter, sie haben mich daran erinnert, wenn mich jemand erwähnt hat, mir eine DM geschrieben hat oder mir gefolgt ist.Später im Jahr wurde die Benachrichtigung für Retweets hinzugefügt. Die habe ich auch nicht abgestellt. 4291 Mails sind in meinem gesendet Ordner gelandet. 2350 Mails gingen an meinen Bildungswerksaccount oder wurde von diesem verschickt. Es handelt sich in der Regel um die interne Kommunikation mit dem DGB Bildungswerk.

Google Calendar

Ich frage mich, warum es keine Software gibt, um den eigenen Kalender auszuwerten. Was macht Google damit? Interessiert denn niemanden, wieviel Zeit man im Jahr wie verplant hat? Über Hinweise freue ich mich in den Kommentaren.

5 Kommentare

3 Pings/Trackbacks

  1. Tobias Thiel Tobias Thiel
    1. Januar 2012    

    Spannende Auswertung! Wobei ich mich noch schwer damit tue, Daten zu hinterlassen, wo ich gerade bin. Das scheint mir zu sehr und zu unkontrollierbar verbunden auch mit Dingen, die ich nicht unbedingt aller Welt preisgeben will, z. B. zur Familie. Ich genieße es, selbst entscheiden zu können, was ich von mir erzähle. Ich gestalte meine (virtuelle) Idendität mit oder beeinflusse sie bewußt. Insofern trifft es auch der Begriff “Postprivacy” nicht genau.

    Übrigens kann man inzwischen ganz einfach bei Facebook alle Daten als navigierbare HTML-Dateien downloaden.

  2. gibro gibro
    1. Januar 2012    

    Danke für den Facebook Hinweis. Ansonsten ist mir klar geworden, das weniger ich als vielmehr meine Freunde privates über mich veröffentlichen. Entweder weil sie meine Freunde sind oder weil sie an meine Pinwand Hinweise zu meiner Privatsphäre hinterlassen. Ich habe ja auch versucht zu definieren, was meine Privatsphäre ausmacht und es ist sicherlich nicht die Tatsache, dass ich zwei Kinder habe, sondern es sind die Dinge, die in unserem Haus passieren. Die Art und Weise, wie wir Weihnachten zum Beipsiel feiern oder auch, welche Fetische ich habe. Das ist meine Privatsphäre und die ist es mir auch wichtig zu schützen. In sofern geht es mir nicht um eine Überwindung der Privatsphäre, sondern um eine Einengung, und was auf Facebook zu lesen ist, ist qua Veröffentlichung nicht meine Privatsphäre, deshalb postprivacy

  3. 7. Januar 2012    

    […] gehen, freiwillig hoechstpersoenliche (oder auch ganz banal oeffentliche) Daten digitalisiert zu veroeffentlichen, ohne dabei andere zu beeintraechtigen — und was passiert, wenn das doch geschieht. Eine […]

  4. 10. Januar 2012    

    […] Tweets ausgewertet. Bei meiner Postingfrequenz kann ich so auf das letzte Jahr zurückschauen. Eine ähnliche Auswertung habe ich mir zwar schon mit einem Calc-Sheet zusammengebastelt, aber mit diesem Werkzeug geht das […]

  5. […] Man sagt: “Google weiß mehr über dich als du selber”. Wenn da etwas dran ist, dann beruht das Wissen ausschließlich auf einer Datenanalyse, also auf Spuren, die unweigerlich jeder hinterlässt, der ins Internet schreibt und sei es nur in den Suchschlitz. Seit einigen Jahren versuche ich meine eigenen Daten, die ich fremden Plattformen anvertraut habe nicht nur herunterzuladen, sondern auch auszuwerten. […]

  1. Die Weltverbesserer | stk on 7. Januar 2012 at 20:29
  2. Herr der eigenen Daten sein on 10. Januar 2012 at 16:25
  3. Wer ist meine Öffentlichkeit und wenn ja, wieviele on 5. Februar 2013 at 11:19

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@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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